Das Abendessen
Rouvard Lautenschmied

Der Oger schaute mit einem linkischen Blick auf seine vier Opfer, „Nun? Wen von Euch sollen wir als erstes verspeisen?“
Borim, ein Kämpfer trat entschlossen vor. „Nimm mich, du Bestie! An meinem Fleisch wirst Du Dir so den Magen verderben, dass Du sterben wirst! Und ich werde zum Märtyrer der Gruppe!“ Der Rest der Abenteurergruppe saß regungslos mit gebunden Händen und Füßen wie gelähmt da. Sie alle hatte der Lebenswille längst verlassen. Unfähig sich zu befreien, warteten sie nun stumm darauf verspeist zu werden.
Die Frau des Ogers schob sich zu ihrem Mann weiter vor und raunte ihm leise ins Ohr, „Sei vorsichtig, ich glaube, er ist nicht, was er zu sein vorgibt!“
Der Oger schaute seine Frau schief an, „Was soll mir dein Satz jetzt sagen? Ich weiß was ich zu machen habe, kümmere du dich lieber um die Beilagen zu diesen Menschen hier.“
Mürrisch zog sich die Frau des Ogers zurück und begann damit die Kartoffeln zu schälen und das Gemüse zu putzen. Schließlich erwarteten sie noch Besuch von ihrem Vettern Shrick und Shrock, da musste man schon mehr als nur einer Suppe aus Menschenaugen aufwarten.

Unheimlich gellten die finalen Schreie der Abenteurer aus dem Tiefschwarz der Ogerhöhle. Der Tod hatte sie geholt. Eine Stunde später saß das Ogerpaar mit ihren Vettern zu Tisch. Shrick mäkelte als erster. Er schob sich mehrere Knollenfrüchte auf einmal in seinen Rachen und spuckte sie kurz darauf wieder aus. Die Kartoffeln waren zu heiß, viel zu heiß für seinen Geschmack. Auch Shrocks Kommentar ließ nicht lange auf sich warten. Er biss in einem über dem offenen Feuer gerösteten Menschenschenkel, nur um ihn kurz darauf wieder ganz auszuwürgen. „Es fehlte etwas Salz, wieder einmal!“ gab er der Köchin zu verstehen.
Die Ogerin erblasste, sich hätte sich dafür selbst ohrfeigen können. Sie war doch wirklich ein Idiot. Diese Fehler machte sie regelmäßig, wenn diese beiden Vettern zum Essen kamen. Wieso es so war, konnte sie sich nicht erklären, aber es beunruhigte sie langsam doch ein wenig, dass dies mit einer gewissen Regelmäßigkeit geschah. Sie hätte das Bein und die Kartoffeln vielleicht mit einem Schuss Gallenflüssigkeit verfeinern sollen, nur warum kamen ihr diese Einfälle immer nur, wenn es schon zu spät war.
Düster lag der Blick des Ogers auf seiner Frau. Ein weiteres Mal hatte er sich vor seinen Vettern lächerlich gemacht. Ein weiteres Mal wurde er zum Gespött seiner Vettern, die ihn, während seine Frau die Reste entsorgen gegangen war, kräftig aufzogen.
„Du hättest Dir Grisen zur Frau nehmen sollen, die konnte wenigstens kochen!“ höhnte Shrick.
„Oder Friesena, die kannte immer so schöne neue Gerichte.“ fügte Shrock trocken hinzu.
Kurzum, der arme Oger wurde von seinen Vettern schrecklich niedergemacht. Als seine Frau wieder zu den drei Männern trat, beschränkten sich die beiden Vettern wieder darauf über die Nachspeise zu mäkeln. Dabei hatte sie sich solche Mühe gemacht wenigstens das Mousse Cervello schön cremig zu machen. Aber die Hirnmasse war ein einziger Klumpen, das die Vettern auch verweigerten.
„Ich werde bald an Untergewicht sterben, wenn ich Euch noch öfter besuche!“ grunzte Shrick unfreundlich.
„Und ich werde …“ begann Shrock wurde dann aber von der Ogerin unterbrochen. Ihre Stimme klang sehr gereizt und stocksauer, „Ihr braucht auch gar nicht zu kommen. Zhirm schmeckt mein Essen nämlich, oder?“ Sie warf ihrem Mann einen erwartungsvollen Blick an. Der Oger musste zugeben, dass ihm das Essen seiner Frau wirklich immer schmeckte. Er konnte auch nicht verstehen, warum das Essen jedes Mal beim Erscheinen seiner Vettern so mies wurde. Es war für ihn ein Rätsel!
„Wenn Euch unser Essen nicht schmeckt, dann kommt doch erst gar nicht mehr vorbei. Auf solche Gäste können wir nämlich gerne verzichten.“ Ihre Augen glühten gefährlich giftgrün auf, die beiden Vettern sagten nichts mehr.
Gebannt starrten sie die zornesgrüne Ogerin an, dann erhoben sie sich mit einer unnachahmlichen Schwerfälligkeit, brummten noch ein „nicht sonderlich gastfreundlich?“ und verließen eilig die Ogerhöhle.
In diesem Moment erkannte sie einen Zusammenhang, ihr wurde klar, warum das Essen so scheußlich schmeckte! „Und nun zu Dir, mein Schatz!“ ihre Augen hatten sich zu gefährlichen Schlitzen verengt, „Jetzt sag DU mir bitte einmal, warum du nicht wie sonst auch Zwerg oder Elf sondern jedes Mal MENSCH nach Hause bringst, wenn deine Vettern kommen!“