Das Haus
Rouvard Lautenschmied

Neugierig betrachtete Kyrandor das handgemalte Schild vor dem schmucken Haus. 

Dringend mutige Kleriker/Priester gesucht.
Wendet Euch an Ilias Zaunpfahl, hiesiger Krämer.

las er und wandte sich zum weitergehen. In diesem Augenblick flog die Tür des Hauses auf und eine kalkweiße Gestalt mit langen, grauen, zersausten Haaren rannte, von einer Panik erfaßt heraus. Noch bevor Kyrandor reagieren konnte, hatte sich der bleiche Priester hinter Kyrandors Rücken versteckt. „So helft mir doch!“ schrie er hysterisch in Kyrandors Ohr, gleichzeitig flog die Haustür krachend wieder zu und ein hohles, hämisches Gelächter setzte ein.
Mit säuerlicher Miene packte sich Kyrandor den schreienden Priester und schüttelte ihn kräftig durch. „Kommt wieder zur Besinnung, ihr seid hier in Sicherheit!“
Der blutarme Kopf des Priester wackelte unkontrolliert hin und her, während seine aufgerissenen Augen Kyrandor unentwegt anstarrten. Endlich erstarb seine gellende Stimme. Erleichtert, über die einkehrende Stille, ließ Kyrandor wieder von ihm ab, „Was ist geschehen?“
„Schrecklich, es war einfach furchtbar. Dieses Wesen… ohne Kopf… dieser Anblick…“ stammelte er verängstigt.
Noch bevor Kyrandor eine weitere Frage stellen konnte, verdrehte der Alte seine Augen und sank, wie ein nasser Sack, in sich zusammen.
Mit dem Greis über seine Schultern, begab sich Kyrandor zum Krämer Ilias.
„Oh, Kundschaft!“ freute sich dieser, als er den Kämpfer mit seiner Last eintreten sah. „Aber Arzneimittel führe ich nicht, die gibt es am anderen Ende von Tutre, beim Heiler Isan.“
„Ich wollte aber zu Euch, ihn hier abgeben.“ erwiderte Kyrandor trocken und legte den Alten sachte auf den ungefegten Holzboden.
„Wer ist das?“ Allerdings klang Ilias Stimme nicht sonderlich überrascht. Noch ehe Kyrandor antworten konnte, schob der Krämer die Antwort nach.
„Ich sehe schon, der ehemals junge Priester Hosean. Noch einer, der gealtert ist… ich werde das Haus wohl abreißen lassen, ich kann es nicht länger mit ansehen, wie die Leute jung rein und alt wieder rauskommen!“
„Mmh!“ Kyrandor tastete nach seinem magischen Schwert, das er kürzlich in der Grube der schrecklichen Schreie erbeutet hatte.
„Welchen Lohn zahlt Ihr, wenn man Euer Problem mit dem Haus löst?“
„Wollt ihr auch…nein… nicht, ich lasse das Haus abreißen“ wehrte Ilias ab.
„Na, dann eben nicht…“ Kyrandor hob enttäuscht seine Schultern und wandte sich zum Gehen. Nun sag schon was, Krämer! dachte er sich, aber Ilias schwieg. Bedächtig verließ Kyrandor den Laden, fest entschlossen herauszufinden, was es mit dem Haus auf sich hatte. Mit oder ohne Belohnung, er wollte es wissen.

Die Tür war nicht verschlossen, kaum hatte er die Klinke heruntergedrückt, schwang die Tür lautlos, fast wie von selbst, auf. „Das fängt ja schon gut an“, murmelte Kyrandor und zog sein magisches Schwert. Erstaunt blickte er sich um, der Eingangsbereich war alles andere als düster und schmutzig, er wirkte gepflegt und hell. Vorsichtig und mit Bedacht schlich er durch die Räume, die sich nicht mit seinen Verstellungen über verlassene Häuser deckten. Alles war sauber und strahlte eine freundliche Wärme aus.
Gerade als er die Treppen zur ersten Etage hinaufsteigen wollte, sah er es. Das Etwas schwebte die Stufen herab, direkt auf ihn zu. Es war doppelt so groß wie er und ein heller Schimmer ging von diesem halbdurchsichtigen Wesen aus.
Es war eine abgemagerte Gestalt, schon fast ein Skelett und es fehlte sein Schädel. „Wo ist er? Sag mir, wo er ist!“ eine hohle, tiefe, laute, unangenehme Stimme schwang durch den Raum, die Stimme ließ sogar den tapferen Kyrandor eine Gänsehaut bekommen.
Entschlossen schob er sein Schwert vor. „Zurück! Oder ich werde Euch Schmerzen zufügen müssen!“ Ein eiskaltes Gelächter erfüllte die Räume und schaffte es tatsächlich den Keim der Angst in Kyrandor zu wecken.
„Ich will meinen Kopf, gib ihn mir…“ die schimmernde, knochige Gestalt war bedrohlich nahe gekommen, seine langen, dürren Arme mit ekelhaft dünnen, knöchernden Fingern griffen nach Kyrandors Kopf. Unwillkürlich wich der Kämpfer zurück und wägte die Konsequenz des bevorstehenden Kampfes ab. Mit dem Schwert könnte er diese grässlichen Hände auf Abstand halten, aber den Korpus, sein eigentliches Ziel, würde er nicht erreichen. Flucht, schlug sein Verstand vor, dem sogar sein ungezügelter Kampfgeist beipflichtete.
Nur wie sollte er flüchten, war fortlaufen die bessere Alternative oder sollte er sich den Geist auf Distanz halten.
„Mein Schädel, wo ist er nur?“ heulte es wieder durch das Haus. „Wo? Wo? Wo? Wo? SAG ES MIR! Wohooooooohoooooo?“
Genervt von diesem fragenden Geheul, das ihn beim Nachdenken störte, brüllte Kyrandor spontan, „Wahrscheinlich dort, wo du ihn zuletzt hingestellt hast!“
Wie versteinert blieb die Gestalt stehen, die weiße Aura schien sich zu verdichten. Mit großen Augen beobachtete Kyrandor, wie die Gestalt sich vergrößerte. Unentwegt wuchs es weiter und weiter, aber es bewegte sich nicht mehr. Diese Gelegenheit nutzte Kyrandor aus, so schnell es ging, rannte er zur Eingangstür, doch diese ließ sich partout nicht öffnen. Hektisch warf er sich gegen die Tür, noch immer wuchs der Geist, aber …Kyrandor riskierte einen zweiten, ein prüfenden Blick. Ihm schien, als ob der Geist wieder durchsichtiger würde. Ja, kleine Schleier lösten sich von dieser Erscheinung, die sich jetzt völlig aufzulösen schien. Langsam aber stetig zerfiel der halbdurchsichtige Mann. Verdutzt stand Kyrandor an der Tür und verstand die Welt nicht mehr.
„Habt Dank“ säuselte eine angenehme, männliche Stimme in sein Ohr, „auf diese Antwort habe ich Zeit meines Spukens gewartet!“