Der Hase
Rouvard Lautenschmied

Still lag sie da und wartete auf einen günstigen Moment den großen Hasen am Waldesrand zu erlegen. Ihn als groß zu bezeichnen wäre geschmeichelt gewesen, sie hatte noch nie einen solch großen Hasen gesehen. Er war mindestens ein Meter hoch und saß einfach nur da. Lautlos erhob sie sich aus ihrer Deckung und spannte ihren Kurzbogen. Würde dieser eine Pfeil ausreichen, dieses gigantische Tier zu erlegen? Versuchen wollte sie es.
Noch immer saß der ahnungslose Hase nur da und mümmelte an dem saftigen Wiesengras. Noch ehe er fortlaufen konnte, hatte sich die eiserne Pfeilspitze durch sein samtiges, braunes Fell, mitten in sein Herz, gebohrt. Für einen ganz kurzen Moment hockte er noch still da, dann fiel er tot zur Seite.
„Geschafft!“ jubelte sie, sprang aus ihrer Deckung und rannte so schnell es eben ging zu ihrer Beute.
Da lag er, er war wirklich gigantisch groß für einen Hasen, in seinem Blut und rührte sich nicht mehr.
Für sie, als angehende Waldläuferin, war dies die erste große Trophäe. Sie würde den Kopf des Hasen von dem besten Tierpräparator  behandeln lassen und über ihr Bett hängen, als Beweis dafür, dass es tatsächlich Riesenhasen gab.
Nur was funkelte neben dem Hasen dort im Gras? Kupfermünzen? Ja, tatsächlich. Nicht weit vom Hasen entfernt lagen Kupfermünzen im saftigen Gras.
Sie nahm eine nach der anderen auf und war schließlich um sieben Münzen reicher. Nur wie sollte sie den Hasen nach Hause bekommen? Wie viel mochte er wohl wiegen? Sie stupste ihn nochmals vorsichtig mit ihrer Stiefelspitze an, er rührte sich nicht mehr. Mit aller Kraft zog sie an seinem Fell und schaffte es tatsächlich, ihn einige Ellen durch das Gras zu schleifen. Was sie brauchte war Hilfe, schnelle Hilfe, damit ihr niemand den Hasen stehlen konnte. Das Haus des Gnomen Firian war nicht weit von dieser Stelle entfernt, er war immer so freundlich und so nett und würde ihr bestimmt dabei helfen. So schnell ihre kurzen Beine zu laufen vermochten, rannte sie zu Firians Hütte.

Schon von weitem sah sie jemanden in der Tür stehen, aber es war nicht Firian, sondern seine Frau, die zufrieden lächelte.„Seid herzlichst gegrüßt, Gnomin Firian…“, keuchte sie mit eifriger Stimme, “ist Euer Mann zugegen?“
Firians Frau schenke der jungen Elfin ein lieben Blick, „Nein, er ist vorhin weggegangen, er will doch unsere Kleinen beschenken. Heute ist doch Kupfern, der Kupfermünzentag und dafür hatte er sich eine große Hasenhaut genäht und wird nachher, nachdem die Kleinen ihre Kupfermünze am Waldesrand gesucht haben, als der große Kupferhase auftreten. Du hättest ihn eigentlich sehen müssen… kam er Dir nicht entgegen. Du hättest ihn doch sehen müssen…“
Die junge Elfin musste schwer schlucken. Übelkeit überkam sie, noch ehe Firians Frau weitersprechen konnte, speihte sie ihr Frühstücksmahl wieder aus.
„Was ist Dich, mein Kind?“
„Ich habe… ich habe…“ stammelte sie, in selben Augenblick schossen dicke Tränen der Reue aus ihren Augen, „den Kupferhasen… Euren Mann… erlegt…“