Der Todesschütze
Rouvard Lautenschmied

Zielsicher bohrte sich die Pfeilspitze durch den, mit Leder geschützten, Körper und blieb mitten in seinem Herz stecken. Mit einem finalen Todesschrei fiel der Getroffene in das weiche, hohe Gras, das ihn beinahe schon zärtlich empfing. Noch einmal sah er die wichtigsten Stationen seines Lebens vor seinem inneren Auge ablaufen: seine Geburt, sein erster Bogen, seine erste Schlacht, seine erste große Liebe, den Leichnam seiner Mutter, seine Hochzeit, den Leichnam seines Vaters und letztendlich seinen Mörder.
Nur woher wusste er, wer den Todespfeil abgeschossen hatte? Der Pfeil hatte ihn überraschend getroffen und er hatte den Schützen nicht erkennen können. Woher, im Namen Tromothans, wusste er es.  Seine Lunge setzte nochmals zu einem tiefen Atemzug an, bevor auch sie ihre Arbeit einstellte und die Sauerstoffanreicherung des Blutes zum Erliegen brachte. Nie würde er eine Antwort auf seine letzte Frage bekommen, er war tot.
Vorsichtig näherte sich der Schütze dem frisch Verblichenen. Seine Füße schienen über den Boden zu gleiten, sein Gang war geschmeidig und flink und beinahe lautlos. In mäßiger Entfernung zu seinem Opfer blieb er nochmals stehen und wartete ab. Nein, es war ruhig. Keine weiteren Stimmen oder ungewöhnliche Geräusche drangen an sein Ohr. Er könnte seinen Feind gefahrlos durchsuchen. Zielsicher schoben sich seine Hände über den Lederpanzer, hin zu einer geheimen Öffnung, in der ein Ring steckte. Der Ehering des verstorbenen Gegners, den er mit einer schnellen Bewegung in seiner Gesäßtasche verstaute. So schnell wie er gekommen war, verschwand er wieder in dem dunklen Tannengehölz des Waldes, spannte seinen Langbogen, legte einen seiner leichten Pfeile auf und wartete geduldig auf das nächste potentielle Opfer.
Lange brauchte er nicht zu warten, bis sich der nächste Gegner zeigte. Wieder schwirrte sein Pfeil leise durch die Luft und brachte den Odem des Gegners zum Erliegen. Wieder huschte er zu dem Toten, fand die geheime Stelle am Panzer, erbeutete den Ring und zog sich wieder zurück.
So ging es noch einige Male, bis sich die Dunkelheit über den Wald legte und der Todesschütze sich auf den Weg zu seinem Dorf machte. Es war ein kleines Dorf, die Kinder lagen bereits im warmen Decken gehüllt auf den Strohlagern der einzelnen Hütten und schliefen.

Eine Frau erwartete ihn bereits und schaute ihn mit großen Augen an. Weder er noch sie sprachen ein Wort. Gemeinsam verschwanden sie in ihrer Waldhütte, in der eine verrußte Öllampe das Innere in ein gedämpftes, gelblich schimmerndes Licht tauchte. Er schob seine Hand in die gebeulte Hosetasche, griff sich die erbeuteten Ringe und legte sie auf eine samtweiche Unterlage.
Ihre langen, von der schweren Waldarbeit gezeichneten, Finger betasteten jeden Ring. Ab und an besah sie sich einen Ring genauer, bevor sie ihn mit einem tiefen Seufzer wieder zurücklegte. Aber kein Wort drang über ihre Lippen.
Der Mann beobachtete sie stumm und sagte nichts. Mit einer enttäuschten Miene schob sie schließlich die Ringe beiseite und verließ die Hütte. Er schaute ihr nur kurz nach, dann machte er sich aus der Unterlage einen Beutel, mit dem er in das Freie trat.

Ein helles, großes Feuer brannte in der Dorfmitte. Einige andere Dorfbewohner saßen in einem gebührenden Abstand vom Feuer entfernt und starrten in die gefräßigen Flammen.
Lautlos nahm er neben den Dorfältesten Platz. Lange Zeit saßen die beiden nur da und blickten mit einem ausdruckslosen Blick in die hellen Flammen, bis der Dorfälteste den Mund öffnete, wieder schloss, wieder öffnete und endlich zu sprechen begann: „Frion, wann wirst Du meine Tochter ehelichen?“
Sein Gegenüber zuckte nur mit den Schultern und warf den Beutel mit den Ringen in die lodernden Flammen.
„Ich verstehe!“, dann nickte der Dorfälteste und ließ den Mann alleine am Feuer zurück.
Stundenlang saß er noch vor den Flammen und beobachtete ihren heftigen Streit nach Nahrung, um nicht zu erlöschen. Wieder einmal war ein Tag vergangen, ein erfolgloser Tag. Wieder einmal hatte er keinen Ring gefunden, in dem der Name seiner Zukünftigen eingraviert war.