Die Augen des Paladin
Rouvard Lautenschmied

Dreimal habe ich sie gesehen.

Mit zehn Jahren sah ich sie zum ersten Mal mich studieren. In ihnen loderte die Flamme der Kühnheit, des Tatendrangs und seines adligen Wesens. Sie schienen doppelt so alt wie die meinen zu sein und sie sahen mich auf diese magische Weise an. Sie musterten mich und es schwang aber auch eine Besorgnis darin mit. Ihr Blick durchdrang meinen Körper, auf der Suche nach inneren Wunden – doch ich hatte keine vorzuweisen.
An jenem Tag war ich erst spät mit meinen Eltern vom Feld gekommen, das weit abseits des Dorfes lag. Es war unser Glück gewesen, nur so hatten wir den Sturm auf unser Dorf überlebt. Erst als der Paladin wieder davon ritt, sah ich die Verwüstung und in mir öffnete sich eine schwere Wunde.

Zehn Jahre vergingen. Wir lebten in einer Stadt und hatten eine Herberge aufgebaut. Als er eintrat, erkannte ich ihn sofort wieder. Es war sein Gang der ihn verriet. So gerade, stolz und aufrecht. Und auch seine Augen, in denen noch immer seine Tugenden wild und ungezähmt loderten. Wieder traf sich unser Blick und ein leichtes Lächeln huschte über seine Lippen. Aus mir, dem jungen Mädchen von damals, war eine hübsche Frau geworden. Wieder durchdrangen mich seine Augen und fanden die zehn Jahre alte Wunde. Zuerst wirkte er ein wenig verwirrt, doch dann schien er es zu verstehen. Er strich mir mit seiner Hand leicht über den Kopf und heilte damit diese alte schwere, innere Wunde. Ohne ein Wort zu verlieren, machte er daraufhin kehrt und verließ die Stadt.

Zwanzig Jahre sollten vergehen, bis ich ihn wieder zu Gesicht bekam. Auf den ersten Blick wirkte er nur leblos. Erst als ich in seine Augen, in seine gebrochenen Augen sah, erkannte ich ihn. Ja, es waren seinen Augen. Nur diesmal ohne Leben, ohne Feuer, ohne Esprit. Sie waren tot. Er war tot. Er lag unweit meines Hauses in einer dunklen Gasse. Sein Körper war nackt und voller Wunden. Hatte er mich nochmals aufsuchen wollen? Wollte er nochmals meine inneren Wunden heilen? War er gekommen, um mir meine Schmerzen zu nehmen? Ich hatte den Tod meiner Eltern, meines Mannes und meines kleinen Sohnes nie verwinden können. Die Qualen ließen mich nie wirklich los. Und so hatte ich so gehofft, dass er nochmals kommen würde, um mein Leid zu lindern.

Warum? Ja, seinen Augen schienen mir diese Frage zu stellen. Warum habe ich nur auf ihn gewartet? Zu lange auf ihn gewartet? Ich war ihn zu spät suchen gegangen! Viel zu spät, seine Wunden würde ich nicht heilen können.