Ein Spiel?
Rouvard Lautenschmied

Unser Blick traf sich. Für einen kurzen Augenblick sah ich den Anflug eines Lächelns über deinen Mund huschen. Es war kein gehässiges, oder gar vernichtendes, Lächeln gewesen, Nein, deine flüchtige Emotion war ehrlich. Ich erkannte es an deinen Augen. Sie leuchteten hell und haben womöglich noch nicht soviel Unrecht und Böses gesehen. Und doch trachtest du nach meinem Leben. Dein Rapier hat mich gerade knapp verfehlt und schon wieder höre ich deine helle Stimme, die immer fordernder wird, „Spiel mit mir!“
Meine Lippen öffnen sich nicht, ich bin zu angespannt um dir zu antworten. Dein Spiel ist mir zu gefährlich und doch bin ich bereits dein Spielball. So gut es geht weiche ich deinen Attacken aus. Ich tanze sozusagen nach deiner Pfeife, wie wir Barden zu sagen pflegen.
„Spring!“ lachst du mir zu und schlägst nach meinen Waden. Behände hüpfe ich über deine lange, scharfe Waffe hinweg und suche nach einer Fluchtmöglichkeit. Natürlich ärgere ich mich unlängst darüber, diesen Weg durch den Wald gegangen zu sein.
Viele deiner ehemaligen Spielkameraden, am ganzen Körper mit deinen Spielereien übersät, hatten mich vor dir gewarnt. Doch ich wollte ja nicht auf sie hören. Eingebildet wie ich nun einmal bin, schlug ich deren Worte in den Wind und glaubte mit dir schon fertig zu werden. Und nun? Kein Sterbenswort kommt von mir. Meine kecken Sprüche wollen einfach nicht meinem Mund entweichen. Stattdessen spiele ich dieses Spiel nach deinen Regeln. Nur für mich und all deinen vorherigen Spielgefährten ist es ein gefährliches Spiel, denn du spielst mit unseren Leben. Ist es Dir nicht bewusst?
Das Feuer in deinen grünen Augen wird heller und heller. Du WILLST mich verletzen! Deine Bewegungen werden schneller und schneller, meine Ausweichmanöver immer hektischer. Endlich, nach weiteren heftigen Angriffen Deinerseits, schaffe ich es doch den Mund zu öffnen. „Schluss!“ sage ich und in meiner Stimme liegen Bestimmtheit, Groll und Eiseskälte.
Verwundert lässt Du dein Rapier sinken. Auf deiner Stirn haben sich Schweißtropfen gebildet, ich höre deinen schnellen Atem. „Gut!“ schmunzelst Du atemlos, schiebst den Rapier in die Scheide zurück, wendest dich um und gehst.

Zu viele Fragen schwirren mir durch den Kopf. So einfach will ich meine Begegnung mit dir nicht enden lassen, deswegen haste ich dir nach. Tiefgrüne, brusthohe Gräser säumen deinen Weg, der mich tiefer und tiefer in den Wald führt. Die Baumkronen werden, je weiter ich dir folge, dichter und dichter. Immer weniger Licht dringt zu mir herab, doch dann sehe ich sie endlich. Deine Behausung!
„Nein“, sage ich mir und rede mir eindringlich ein, dass es so nicht sein kann. Ein solch prächtiges Haus kann unmöglich an solch einem entlegenen Ort stehen. Die Zweifel in mir wachsen und das Haus verschwimmt vor meinen Augen, es zerläuft wie schmelzender Käse und setzt sich zu einem neuen Bild wieder zusammen. Dies ist also die Lösung, du bist gar nicht das, was ich glaubte zu sehen. Mein Verstand erlag meiner Angst und meinen Vorurteilen. Ich glaubte, dass zu sehen, was mir die anderen erzählten. Ich ließ mich von anderen beeinflussen und gab mir gar keine Chance dich wirklich zu sehen. Verschämt wende ich mich ab und gehe den ganzen Weg langsam zurück. Sicherlich wolltest Du nur mit mir spielen, deswegen erschienst Du mir auch als ein Elfenmädchen, und nur weil mich andere vor dir und deiner Waffe warnten, sah ich das Rapier in deinen Händen. Es war bestimmt in Wirklichkeit nur eine große Blume oder eine lange Feder in deiner Hand, die mich necken wollten.
Du arme, kleine Waldfee. Du wolltest mit uns allen nur spielen! Doch wir, wir Menschen, die erfüllt sind von Angst und der Furcht vor ständiger, lauernder Gefahr gaben Dir nie eine richtige Chance. Nein, unsere Angst fügte uns sogar Wunden zu, die wir nicht als solche erkannten. Nur weil dein erster Spielkamerad deine Blume oder Feder als Rapier ansah, bist Du zu einer gefürchteten, blutrünstigen und einsamen Elfin geworden.

Wir sollten uns wirklich schämen!