Hobbit Gobbo
Rouvard Lautenschmied

Es gibt viele Geschichten, die sind erlogen oder erfunden. Es gibt aber auch Geschichten, von denen denkt man, sie seien erlogen oder erfunden, sind es aber nicht. Die Geschichte, die ich Euch hier erzählen möchte, hat sich wirklich zugetragen, selbst wenn ihr es nicht glauben wollt oder könnt.
Der kleine Hobbit Gobbo hatte ein Problem. Man konnte sogar sagen, er hatte ein großes Problem: seinen Namen! Es soll ja Leute geben, die nun verwundert aufblicken und fragen „Wieso?“ Gobbo ist ein genauso gewöhnlicher Name wie Hinz und Kunz.“ Dem ist aber nicht so, Gobbos sind dunkelgrünhäutige Kobolde oder Goblins, darüber streiten sich bis heute die Gemüter. Mit Sicherheit kann man nur sagen, dass dort wo Gobbos auftreten nichts mehr seinen normalen Gang geht. Doch zurück zu diesem Hobbit und seinem Problem mit dem Namen. Gobbo hatte den ganzen Tag in seinem Bett verbracht. Er war nicht müde sondern einfach nur frustriert. Am liebsten würde er es allen heimzahlen, die ihn jeden Tag aufs Neue verspotteten, nur wie? Wenn er ein Riese wäre, dann hätten alle Angst vor ihm und würden nicht mehr über ihn spotten. Man würde ihm aus dem Weg gehen und nur noch leise über ihn lachen und nicht mehr lauthals. Ach ja, dachte er, ein Riese müsste er sein. Mit diesen Gedanken schlief er schließlich ein.
Sein Atem ging ruhig und gelassen und er begann zu träumen. Er befand sich in seinem Haus. Obwohl er die Tür stets verschlossen hielt, war jemand zur Tür hereingekommen. Ein kleines unscheinbares Mädchen nicht größer als ein Hobbit. Es hatte lichtes schneeweißes Haar und war dünn. „Ihr wollt also endlich ernst genommen werden?“ meinte die weißhaarige Gnomin zu Gobbo.
„Ja!“ erwiderte Gobbo und schaute die Gnomin erstaunt an. „Woher wisst ihr das?“
„Wir Gnome sind sehr erfinderisch. Durch meine Traumanalysemaschine habe ich mich in euren Traum versetzt, was aber mehr ein Versehen ist, denn das wollte ich eigentlich gar nicht! Ich bin selbst verwundert, dass ich hier herausgekommen bin. Aber das spielt nun auch keine Rolle. Dankt dem Zufall, denn so ich kann Euch helfen!“
„Ihr könnt mir helfen?“ Gobbo schaute den weißhaarigen Knirps fragend an. „Ihr seid eine echte
Gnomin!“
„Natürlich! Wenn Ihr nachher aufwacht, dann erinnert Euch gefälligst an die Zutaten, die ich Euch jetzt nenne.“
„Sicher“ erwiderte Gobbo und hörte aufmerksam zu.
Am nächsten Morgen erwachte Gobbo besonders früh. Er eilte zu seinem Schreibpult und notierte die Zutaten, die die Gnomin ihm genannt hatte. Echsenaugen (6 Stück, von verschiedenen Echsen), zwei Mandrakewurzeln, fünf Gramm Spinnenseide, vier Blätter vom Nachtschatten und drei schwarze Perlen. Eilig zog sich Gobbo seine Sachen über und verließ das Hobbitdorf.
Die Gnomin hatte ihm auch den Ort genannt, wo er die Sachen kaufen konnte. Es war das Haus einer Druidin, das nur einen halben Tagesmarsch vom Hobbitdorf entfernt lag.
Tief in der Nacht kehrte Gobbo mit den Zutaten wieder zu seiner Behausung zurück, er schlüpfte rasch in sein Bett und schlief schnell wieder ein. Es dauerte nicht lange, da begann er wieder zu träumen. Die Gnomin erwartete ihn schon und hatte bereits alles vorbereitet. Sie zeigte dem Hobbit ganz langsam und in aller Ruhe, wie der Trank gebraut wurde. Viermal wiederholte sie den Vorgang, nur um sicher zu sein, dass Gobbo es auch wirklich nicht vergaß.
Ein krähender Hahn weckte den Hobbit Gobbo am nächsten Tag. Er machte sich nicht die Mühe sich anzuziehen. In seinem Schlafzeug wiederholte er die Schritte aus seinem Traum. Er machte ein großes Feuer. „Mindestens fünf Scheite hoch!“ wiederholte der Hobbit die Befehle der letzten Nacht. Anschließend hängte er seinen kleinsten Topf, bis zum Rand mit Wasser gefüllt, über das Feuer. Er zerstieß die Perlen mit seinem Briefbeschwerer (die Gnomin hatte einen Mörser benutzt), legte die vier Blätter Nachtschatten aus und teilte die Zutaten auf die Blätter auf. Nur nicht die Spinnenseide, die brauchte er noch zum Schluss. Er wickelte jedes Blatt zusammen und umwickelte die Rollen mit der Spinnenseide. Diese Bündel ließ er dann den ganzen Vormittag über kochen.
Gegen Mittag war es dann soweit. Die Päckchen lagen ausgebreitet vor ihm. Er griff sich eines der Päckchen und konzentrierte sich auf den Gedanken „Niemand soll mich mehr Gobbo nennen!“. Mutig schob er sich das erste Päckchen in den Mund und begann es zu zerkauen. Ein bitterer, Übelkeit erregender Geschmack entfaltete sich, doch er schaffte es sich nicht zu übergeben und schluckte es hinunter. Freiwillig würde er diese Prozedur nicht nochmals machen! Ob es denn auch wirken würde? Möglicherweise war das ganze doch nur ein Traum gewesen oder die Gnomin hatte sich einen Scherz mit ihm erlaubt. Er musste es wissen, sofort!
Mutig trat er vor der Tür und wurde sofort wieder zum Gespött des Dorfes. „Schaut nur! Jetzt geht unser Gobbo sogar schon im Nachtgewand vor die Tür!“ drang es noch gerade an seine Ohren, dann drehte sich die Welt vor ihm mehrmals. Was er dann sah freute den Hobbit ungemein, er durfte mit ansehen, wie seine ihn hänselnden Nachbarn schreiend davonliefen.
Nur sein Nachbar Frido nicht, der stand mit aufgerissenen Augen wie erstarrt da und blickte ihn entsetzt an. „Du wirst mich nie wieder Gobbo nennen!“ Diese Stimme erschrak sogar Gobbo, sie gehörte nicht zu ihm und schien doch aus seinem Mund zu kommen. Die folgende Szene brachte Gobbo fast um den Verstand. Er musste mit ansehen, wie sein verhasster Nachbar Frido von zwei gelbgrünen, schlecht vernarbten, spitzen Krallenhänden gepackt und regelrecht zerrissen wurde. Er hatte Frido nie sonderlich gemocht, aber ihn umzubringen, ging das nicht doch zu weit? Wieder drehte sich alles vor seinen Augen.
Als die Welt wieder zum Stillstand gekommen war, lagen auf der Wiese immer noch die sterblichen Überreste von Frido. Eilig lief Gobbo zu seinem Heim zurück und schloss sich hektisch ein. Was hatte er nur getan? Er war zum Mörder geworden! Er wollte doch nur akzeptiert werden und nun… nun klebte Blut an seiner Weste. „Die Gnomin, die Gnomin muss mir helfen! Ich kann doch nicht alle umbringen, die mich Gobbo nennen! Das ist doch mein Name!“ Eilig stieg er ins Bett und wälzte sich stundenlang hin und her, bis er endlich vom Schlaf übermannt wurde.
Die Gnomin schien auf ihn gewartet zu haben. Sie saß mit einer Pfeife im Mund auf einem Stuhl und sah ihn erwartungsvoll an. „Und?“
„Ich habe meinen Nachbarn ermordet!“ Gobbos Stimme war kaum hörbar.
„Oh…“ entfuhr es der Gnomin, ihre Pfeife rutschte über den Mundwinkel hinab zu Boden und zerbrach dort “Worauf habt Ihr Euch denn konzentriert?“
„Niemand soll mich mehr Gobbo nennen!“ erwidere Gobbo. „Mmmh, ich fürchte ihr müsst die Prozedur nochmals wiederholen. Ihr wisst ja, das nächste Päckchen neutralisiert Euren Gedanken wieder und erst das übernächste wird Euren Gedanken wieder freisetzen können.“
„Und worauf soll ich mich dann konzentrieren?“
„Lasst mich mal überlegen…“
Schweißgebadet erwachte Gobbo am Morgen. Er eilte zu den drei verbliebenen Päckchen und schlang das nächste herunter. In seiner Hektik ignorierte er den widerwärtigen Geschmack und konzentrierte sich bereits auf den Gedanken, den ihm die Gnomin vorgeschlagen hatte. „Wenn mich jemand spöttisch Gobbo nennt, dann werde ich ihn fürchterlich erschrecken!“ Er schob das nächste Päckchen in den Mund. Ununterbrochen wiederholte er seinen Gedanken: „Wenn mich jemand spöttisch Gobbo nennt, dann werde ich ihn fürchterlich erschrecken!“ Immer wieder. „Wenn mich jemand Gobbo nennt, dann werde ich ihn fürchterlich erschrecken!“
In der Hoffnung, nun endlich das Richtige gedacht zu haben, zog sich Gobbo an, dann ging er vor die Tür. Niemand war zu sehen, also lief er ein gutes Stück die Dorfstrasse hinab. Die alte Hobbitdame Eleaine, die als einzige immer freundlich zu ihm gewesen war, kreuzte als erste seinen Weg. „Guten Morgen, Gobbo. Euch habe ich schon seit Tagen nicht mehr gesehen, wie geht es…“ Und wieder drehte sich die Welt um Gobbo. Die erwürdige Hobbitfrau sprach keinen Ton weiter. Ihre Augen weiteten sich unnatürlich und sie schaute Gobbo entrückt an. Und vor Gobbo drehte sich wieder alles.
Als sich die Welt wieder beruhigt hatte, lag Eleaine wie tot auf dem Weg. Hektisch stürzte er zu ihr hin und konnte nur noch ihren Tod feststellen. Er musste sie wohl zu Tode erschreckt haben. „Verdammt, was habe ich nur falsch gemacht? Egal, ich werde das letzte Paket schlucken, dann ist er Spuk vorbei.“
Er hetzte zu seiner Behausung zurück und blieb wie erstarrt stehen. Das gesamte Hobbitdorf war vor ihm da gewesen und hatte seine Heimat völlig vernichtet. Mit gesenktem Haupt betrat Gobbo die Ruinen und suchte nach dem letzten Päckchen, es war unauffindbar. Er packte noch ein paar Sachen zusammen und verließ das Dorf noch am gleichen Tag. Unentwegt versuchte er sich an die Rezeptur zu erinnern, doch auch dieser Zettel war verschwunden. Jetzt konnte nur noch die Gnomin ihm helfen. Die Nacht verbrachte er im Wald. Er hatte auch einen Traum, nur die Gnoinm erschien nicht mehr… Hatte diese seltsame Traumanalysemaschine vielleicht doch eine örtliche Begrenzung? War er zu weit von dieser Maschine weg? Er musste die Gnomin finden, unbedingt!
Seitdem irrt dieser Hobbit Gobbo durch Tromothan, ständig auf der Suche nach dieser einen Gnomin. Wenn ihr ein schwaches Herz habt, dann solltet ihr das Wort Gobbo nie erwähnen, wenn Hobbits in der Nähe sind. Möglicherweise ist auch Gobbo unter ihnen!