K A M P F
Rouvard Lautenschmied

1. Segment – Kender

Die Mittagssonne schien auf das Dorf Ionec. Es war ein altes Dorf, einige Bewohner behaupteten sogar, das Dorf existierte schon zu Beginn der alten Zeitrechnung. Aber so recht wollte niemand diese Worte der Alten für voll nehmen.
Ionec war eben alt und lag im Land Cobona-Yr-Tao, dem Land der Sonogötter. Auch war Cobona-Yr-Tao gar kein richtiges Land, sondern nur einen Insel im Stillen Meer.
Die Hafenstadt Drego war viele Tagesreisen gen Osten gelegen und DER Wirtschaftspunkt der Insel. Drego war DIE Hafenstadt, aber dem Regenten der Insel störte dies nicht sonderlich. Er wählte nicht Drego zur Regierungsstadt sondern Tutre, das im Landesinnern und nur drei Tagesreisen von Ionec gen Norden entfernt lag, wenn man ein Pferd benutzte.
Und in dieser Stadt stand ein kleiner Kender (Kender sind im allgemeinen sehr klein, nun ja nicht größer als Gnome), der sich im Schatten eines Gebäudes aufhielt und die wogende Masse der Bewohner neugierig und interessiert betrachtete.
Er stammte aus dem Gebirge, das nördlich von Ionec lag. Genau genommen lag es nordöstlich davon, gut zwei Wochen Tagesmarsch, wenn man ein rüstiger Wanderer war. Er jedoch, als ein Kender, war einen guten Monat unterwegs gewesen, und wofür?
Nachdenklich betrachtete er seinen abgewetzten Sack, der einige interessante Gegenstände beherbergte, unter anderem einen Brief an Fionagot, dem weißen Magier, der in diesem Dorf leben sollte.
Nein, der Kender war kein Bote und wollte auch gar keiner sein. Er fand den Brief in einer großen Satteltasche, die ein Kurier einladend offen ihm hingehalten hatte und er hatte hocherfreut zugegriffen. Weniger weil er wollte, eher weil er der freundlichen Aufforderung des Boten nachkommen wollte.
Und wer weiß, vielleicht sprangen für ihn noch ein paar Münzen heraus, wenn er den Brief an diesem Magier weitergeben würde. Vielleicht dürfte er sogar einen Blick in das Zauberbuch des Magier werfen oder auch den Zauberstab schwingen. Gedankenversunken ließ er den Brief wieder in seinem Sack verschwinden und beobachtetet weiter den Strom der geschäftigen Menschen, die an ihm vorbeizogen. So ziemlich jeder kam vorbei, nur partout kein Magier in einer weißen Robe, mit einem großen Zauberbuch unterm Arm und einem großen Zauberstecken. Nur Bauern mit ihrem Vieh, Kaufleute mit ihren prall gefüllten Beuteln, Mägden die mit ihren vollen Waschkörben die Waschstelle aufsuchten, ein Barde der neugierig in die Gegend starrte, mit einer Leier unterm Arm. Krieger, die ihr großes… Moment mal, Barde?
Der Kender warf nochmals einen Blick auf den Barden, der auf der anderen Straßenseite stand und genau das gleiche tat wie er, BEOBACHTEN.
Flink sprang der Kender in den Fluss der Menschen und schwamm in Richtung des Barden. Menschen schrien auf, Körbe flogen, Obst landete im Staub, Händler fluchten. Der Kender jedoch steuerte schnurstracks auf den Barden zu.
„Hallo Du. Ich heiße Duag und wer bist du?“ der Kender streckte seine schmutzige rechte Hand dem Barden entgegen, oder besser gesagt hoch.
Der Barde, der eine recht bunte Kleidung trug, blau-gelb mit roten Flicken, die sich in einem karoförmigen Muster über das gesamte Wamst hinwegzogen, schaute sich irritiert um. Wer hatte ihn angesprochen. Endlich ließ er seinen Blick nach unten wandern und sah eine Hand, die sich ihm entgegenstreckte sowie das verschmutzte Gesicht eines jungen Kenders.
„Eron ist mein Name“ und schüttelte des Kenders Hand. „Was willst Du denn von mir? Wenn ich Dich so anschaue, bin ich der festen Überzeugung, dass Du jemanden suchst.“
„Oh ja!“ stimmte Duag zu und wirbelte mit seinen Händen umher, die sich ab und zu in dem Geldbeutel des Barden verirrten und Münzen rausfischten. „Ich suche einen großen Magier. Den größten weißen Magier, der jemals die Erde des Landes der Sonogötter betreten hat. Einer, der ein riesig großes Zauberbuch trägt und einen Zauberstecken, der fünf Meter…“
„Genug, genug“ bremste ihn Eron. „Weißt Du vielleicht seinen Namen und wo er wohnt?“
„Klar! Sicherlich weiß ich seinen Namen, er hieß…“ Eifrig kramte er wieder den Brief aus seinem Sack, in dem er jetzt unbewusst die gestohlenen Münzen deponierte. Geschäftig hielt er das Schreiben vor seine Augen und las noch mal den Namen des Magier. „Fionagot!“ wiederholte Duag und schaute den Barden erwartungsvoll an.
„Also, der Name sagt mir rein gar nichts. Zeig mir mal bitte den Brief!“ Seine Hand näherte sich dem Brief, noch bevor sie zugreifen konnte, hatte der Kender ihn wieder verschwinden lassen.
„Traust du mir etwas nicht?“
Duag betrachtete den Barden erstaunt. „Nein, natürlich nicht. Aber man hat mir aufgetragen, den Brief nicht aus der Hand zu geben. Ich musste den mächtigen Kenderschwur darauf schwören“ log er.
„Kenderschwur?“ nachdenklich kratzte sich der Barde am Kopf. „Ich habe noch nie von einem Kenderschwur gehört!“
„Den gibt es aber. Hör nur, wie er geht. Vielleicht kannst Du ja ein Lied darüber machen?“ spann Dunkelauge weiter, „hier kommt er!“ Theatralisch hob er seine rechte Hand zum Schwur.
„Ich, Duag, ein Kender aus den Kenderbergen in Cobona-Yr-Tao, schwöre beim Barte meiner Mutter und Brust meines Vaters, dass ich die mir auferlegte Aufgabe gewissenhaft und ehrlich ausführen werde. Das schwöre ich, beim Fußgeruch des erwürdigen ältesten Kender der Kenderberge. So wahr mir die Sonogötter wohlgesonnen sind.“
„Hört sich irgendwie chaotisch an!“ schmunzelte Eron und schielte immer noch neugierig auf den Brief des Kenders.
Natürlich hatte er kein besonders großes Interesse daran, dem Kender zu helfen. Er hatte nur einen Dummen gesucht und offensichtlich gefunden!

2. Segment – Auskunft

„Du hast bestimmt nicht richtig gelesen!“ befand Eron und lächelte den Kender freundlich zu. „Ich soll Dir doch helfen, oder?“
Duag wusste längst, was der Barde wollte und blockte erneut.
Wieder kratzte sich Eron nachdenklich am Kopf. „Also, der Name sagt mir nicht sonderlich viel. Ehrlich gesagt, rein gar nichts. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf, wir werden nachfragen und weißt Du wo?“ Sein Blick blieb an einer Schänke haften. „Dort werden wir nachfragen. Es heißt, der Wirt vom…“ er schaute erneut auf das Tavernenschild „…Gasthaus zum Blutigen Kelch, weiß alles.“
Mit diesen Worten stapfte er auf den Bau zu und zog den Kender mit sich.
In der Taverne war das Licht sehr gedämpft. Zum einen waren die Fenster vom Laternenruß blind und die Kerzen zu schwach um die Taverne in ein strahlendes Licht zu tauchen, zum anderen schienen auch die Gestalten hier drin, eher die Dunkelheit zu bevorzugen.
„Wirt! Bring uns was zu trinken. Einen Wein für den Kender und eine Ziegenmilch für mich!“
„Aber…“ Duag wollte einwerfen, dass er gar keinen Alkohol trank, „aber…“ weiter kam er nicht, Erons Stimme legte sich über die seine und übertönte seinen Einwurf. „Sag, Wirt! Kennst Du jemanden, der Fionagot heißt?“
„Möglich!“ grunzte der Wirt und stellte die Becher vor den beiden ab, „das macht erst einmal vier Kupfermünzen!“
„Aber natürlich!“ lachte Eron und griff in seinen Beutel um eine Silbermünze zu ziehen. Seine Hand bohrte sich tiefer und tiefer in den Beutel, doch er fand keine Münze. Duag hatte ganze Arbeit geleistet.
Eron räusperte sich, „Herr Wirt, was haltet Ihr von einem Tauschgeschäft? Diesen wertvollen Dolch als Gegenleistung für die Getränke und einer Auskunft?“
„Ich nehme nur Bares!“ polterte der Wirt und sprang auf den Barden zu.
Noch bevor Eron wusste, wie ihm geschah, lag er im Staub vor der Taverne.
Duag folgte ihm unmittelbar.
Wütend stand Eron auf und klopfte sich den Dreck vom Körper.
„Verdammt, man hat mich bestohlen, wenn ich den erwische.“ Schließlich fasste er sich wieder. „Macht rein gar nichts, ich kenne noch eine andere Schänke, wo man auch alles erfährt. Sag, hast du vielleicht ein paar Münzen über? Die Leute hier, beginnen erst zu reden, wenn man ihnen etwas gibt, was deren Zunge löst!“
„Aber sich doch!“ Duag griff in seinen Beutel und kramte eines von Erons Silberstücken hervor.
Eron betrachtete es sich erst flüchtig, dann aber doch intensiver. „Das gibt es nicht!“ Duag wurde warm, er schaute sich schon nach einem Fluchtweg um, doch ehe er das Weite suchen konnte, hatte ihn der Barde am Genick gepackt, um 180 Grad gedreht und schüttelte ihn kräftig durch.
„Gib mir meine Münzen wieder!“ knurrte er wütend.
So ziemlich alles, fiel aus dem Kender heraus, nur nicht sein Geld.
„Was schaust Du so?“ herrschte Eron ein junges Mädchen an, das sich das Schauspiel der beiden ansah.
„Weshalb schüttelst Du den kleinen Kerl so durch?“ bemerkte sie neugierig.
„Geh nach Hause zu Deiner Mutter…“ herrschte Eron sie an, doch außer einem frechen Grinsen bewirkten seine Worte nichts bei ihr.
„Hat dieses Dorf hier nichts anderes zu bieten, als diebische Kender und freche Rotznasen?“ wütete Eron weiter, der immer noch den Kender durchrüttelte.
„Hi…i…ilf…mi…ihr…r!“ flehte dieser das Mädchen an.
„So sehen Kender aus? Ich habe sie mir schöner vorgestellt!“ warf sie ein und schaute dem kleinen Dieb mit einem spitzbübischen Lächeln an.
„Geh nach Hause, sonst…“ grummelte Eron mit missmutigem Gesicht. Wo mochte dieser kleine Spitzbube seine Münzen versteckt haben? Sein Blick fiel auf einen abgewetzten Sack, den der Kender krampfhaft hinter seinem Rücken zu verstecken suchte.
Unsanft landete Duag auf dem dreckigen Boden. Eine feine Staubwolke legte sich über seinen, ohnehin schon schmutzigen, Körper, dabei wurde ihm sein Beutel grob aus der Hand gerissen.
„Aber…“ begann das Mädchen, das hilflos mit ansehen musste, wie der Barde weiterhin nach dem Kender schlug und trat. Was sollte sie nur unternehmen? Bis sie eine Dorfwache finden würde, wäre der Kender wohl schon tot geprügelt worden. Sie musste handeln und zwar schnell. Nur womit? Wie könnte sie diesen bunt gekleideten Mann so ablenken, dass der Kender flüchten konnte.
Ein kurzer, heftiger Schmerz flammte an seinem Schädel auf und brachte seine Raserei zum Stoppen, dann spürte er wie eine warme Flüssigkeit langsam an seiner Wange runter rann, im selben Moment wurde ihm der abgeschabte Sack entrissen. Stumm betrachtete Eron das junge Mädchen. In ihrer Hand hielt sie einen großen, spitzen Stein, hatte sie…
„Verschwinden wir! Kam es gepresst von Duag, der das Mädchen am Arm packte und zur Flucht motivieren versuchte.
Eron verfolgte die Flüchtenden nicht, er hatte sich noch nicht ganz von dem Schrecken erholt. Wie konnte dieses Gör es nur gewagt haben, ihn anzugreifen? Dieses Balg, dafür würde es bezahlen.

3. Segment – Magier

Das öde Land erstreckte sich vor ihm. Eine riesige Öde, rings um ihn herum. Die einzige Abwechslung war der feste Pfad, auf dem er dahinzog. Weniger ein Pfad, mehr ein befestigter Werg, der den Wanderer vor Schlamm oder Pfützen schützen sollte, falls es dann mal regnen sollte und das war in diesem Teil Cobona-Yr Taos selten, sogar sehr selten.
Fionagot war 16 Jahre jung und auf der Flucht. Auf der Flucht vor sich und seiner Vergangenheit.
Diese Vergangenheit war sein Vater, ein Gladiator aus der Arena von Res und seine Mutter, die aus ihm, genau wie sein Vater, immer einen Gladiator machen wollte.
Die Öde wurde zur Wüste, der feine Sand strich über seine pechschwarze Robe und fand einen Weg an seine Haut. Es juckte.
Unsicher blieb er stehen und schaute zurück. Am Horizont konnte er noch die dunklen Rauchschwaden sehen, die von seiner Greueltat zeugten. War er nur ein einfacher Mörder oder steckte in ihm doch mehr?
Er war sich da nicht so sicher, aber es war seine richtige Entscheidung gewesen. Am heutigen Morgen hatte sein Vater ihm eine Schelle gegeben, weil er statt zu trainieren, mal wieder bei der verlotterten Hütte des alten Gelehrten gewesen war.
Wie sehr er seinen Vater, seine Mutter und die Arena, in der immer wieder unschuldige Menschen ihr Leben lassen mussten, hasste!
Zugegeben, der Dorfschulze zahlte den Gladiatoren viel. 10 Goldmünzen für jeden Tag in der Arena, den man überlebte.
Doch er liebte sein Leben und die unbekannten Seiten der Menschheit. Die Seite, die man im normalen Leben nicht kannte, die Seite, die geheimnisvoll war und reizte. Er erinnerte sich an sein Schlüsselerlebnis, welches er an seinem 10. Geburtstag gehabt hatte.
Seine Eltern hatten ihm die Vorstellung eines Wanderpredigers als Überraschung  geschenkt, von dem niemand wusste, dass es ein Beschwörer war, der sich nur als Wanderprediger ausgab.
Es faszinierte ihn, wie dieser Tauben, Kaninchen und Mäuse aus dem Nichts auftauchen ließ. Der Magier übertrieb es dann aber… mit einem Mal war die gesamte Stubeneinrichtung verschwunden und tauchte nach mehreren vergeblichen Versuchen nicht mehr auf.
Daraufhin bezahlte sein Vater den Beschwörer mit dem blanken Stahl und verscharrte dessen sterblichen Überreste sofort hinter dem Haus.
Er selber, grub ihn in der Nacht wieder aus und durchsuchte ihn. Was er fand war nicht viel.
Nur ein Buch, das 77 Seiten hatte, von denen vier mit seltsamen Buchstaben und Worte beschrieben waren, einer Sprache , die er nicht zu kennen vermochte, später aber lernen würde.
Zunächst aber versteckte er seine Beute, die eben aus dem Buch, zwei Dolchen, einer Schleuder und einigen seltsamen Sachen wie Rosshaar, Ruß, Zinnober und weißer Kreide in zwei Beuteln bestand. Später schleppte er den Leichnam des Beschwörers zum Dorffriedhof und verscharrte ihn in der Ecke der Selbstmörder.
Wie er seinen Vater, für diese feige Tat, doch hasste, die mittlerweile sechs Jahre zurücklag, ihn aber so sehr geprägt hatte, dass er das Gladiatorentraining schwänzte und den alten Gelehrten, am anderen Ende des Dorfes besuchte. Das düstere Zimmer, in dem der Gelehrte seine Gedanken auf Pergament festhielt, wurden für ihn zu einer zweiten Heimat.
Jeden Tag schlich er sich vom Training weg, um zum Gelehrten zu gelangen, immer bedacht, dass sein Vater ihn nicht verfolgen konnte. Er war gut, aber eines Tages doch nicht gut genug. Sein Vater war ihm gefolgt und hatte ihn auch finden können.
Nach einem harten Streit mit den Gelehrten, der wieder damit endete, dass sein Vater, die hiebfesteren Argumente hatte und eine weitere Rechnung mit Blut bezahlte, schwor er seinem Vater und seiner Mutter, die ihn auch mehr schlug, als streichelte, bittere Rache.
Er ließ ein paar Schriftrollen, aus dem Hause des Gelehrten mitgehen und studierte sie heimlich nachts, wenn seine Eltern schliefen.
So lernte er die Sprache Elfisch. Und diese Sprache sah genauso aus, wie die Schrift in dem Buch des Beschwörers. Heimlich übersetzte er nachts die Elfenwörter, die in diesem seltsamen Buch niedergeschrieben waren.
Der Gelehrte wurde nie vermisst, denn er hatte keine Familie mehr und auch sonst, war niemand auf die Hilfe des Gelehrten, einem Eremiten, angewiesen, so dass seine kleine Hütte immer mehr verfiel.
Nur er war ja schlau gewesen, er hatte rechtzeitig immer mehr Rollen zur Seite schaffen können, bis ihn sein Vater, wieder einmal dabei erwischte und ihn mit der Hand strafte. Seine Wange tat immer noch weh, obwohl der strafende Schlag schon drei Stunden alt war.
Ja, seit drei Stunden lief er schon gen Osten, auf der Flucht vor sich und seiner Vergangenheit.
Sein treuer Begleiter, der Jagdhund Gladius tapste hechelnd neben ihm her. Der Hund, war ihm letztes Jahr zugelaufen, von wem wusste er nicht und seinen Eltern war es auch egal gewesen. Nach einem kurzen Wortwechsel wurde der Hund feierlich in die Familie aufgenommen, mit dem Ziel ihn bei passender Gelegenheit an einem reichen Kaufmann zu verkaufen.
Als er heute morgen, nach der Strafe seines Vaters, nach Hause gekommen war, hatte seine Mutter den Hund bereits an einen fahrenden Händler verkauft, für einen stolzen Preis von einer Gold- und acht Silbermünzen.
Er sah den Wagen nur noch wegfahren und seinen Hund traurig jaulen.
Dies war der Auslöser für seine Greueltat, die er eine halbe Stunde später beging, gewesen.
Zuvor hatte er sich seine Habe zusammengesucht und in einen Rucksack verpackt, dann hatte er einen günstigen Moment abgewartet und seine Eltern mit einem Dolch in den Rücken erstochen.
Seine Mutter war sofort zusammengebrochen, sein Vater stand noch da und griff nach seinem Gladiatorenschwert, mit dem er seinen Sohn köpfen wollte. Doch seine Hand war schneller gewesen, der Dolch stach unermüdlich und mit all seiner Kraft in die Lenden seines Vaters, bis dieser endlich zusammensank.
Hektisch hatte er sich umgeschaut und den Lederbeutel seines Vaters gegriffen, in dem er ein paar Münzen sowie Zunder und Feuerstein entdeckte.
Hektisch wurde der Zunder entzündet und die Hütte in Brand gesteckt. Die Flammen züngelten hungrig nach dem Stroh und Holz und wuchsen innerhalb von ein paar Momenten zu einem stattlichen Großbrand an. Durch das Fenster im Osten rettete er sich ins Freie, griff sich seinen Rucksack und flüchtete.
Er hatte seine Eltern umgebracht , ob er sie nun erstochen oder verbrannt hatte, war ihm egal. Was ihn belastete, war nur die Tatsache, dass er von nun an, auf sich selbst gestellt war. Alleine in einer feindlichen Welt, die sich scheinbar gegen ihn verschworen hatte und ihm bisher keine Anerkennung gebracht hatte.
Die Welt wird sich noch an mich erinnern, selbst wenn ich in tausend Jahren tot bin, mein Name wird der Menschheit noch in hunderttausend Jahren geläufig sein, als Fionagot der Beschwörer.
Ein Bellen ließ ihn innehalten, er kannte das Bellen sehr gut, ja er war es. Gladius kam auf ihn zu gerannt, er hatte seine Leine durchbeißen und vom Wagen des Händlers flüchten können.
Als sie an einem Grenzpfahl kamen, waren die beiden schon vier Stunden gegangen. Würde er weiter nach Osten gehen,  käme er nach Ionec. Dort würde ihn niemand vermuten, noch nicht einmal die Schergen des Dorfschulzen, die ihn so glaubte er zumindest, suchten. Der Weg teilte sich nach Osten und Norden, wo er am Horizont Berge sehen konnte und davor Wüste bis zum Abwinken. Wohl mit vielen Sandvipern, Skorpionen, Wüstenkriegern, Treibsand und, und, und…
Nach einer kurzen Überlegung gab er sich einen Ruck und ging nach Osten, nach Ionec, weiter.„Wir müssen bald Wasser finden!“ murmelte er, als er einen kräftigen Schluck aus seinem Wasserschlauch genommen hatte und auch seinem Hund Wasser in seine Hand gegossen hatte, das dieser gierig aufschleckte.„Wie spät mochte es jetzt wohl sein?“ fragte er sich und betrachtete den Sonnenstand,. Die Sonne stand schon fast im Süden, also Mittagzeit. Eilig ging er weiter, denn er wollte noch vor Sonnenuntergang Ionec erreicht haben.

4. Segment – Protagonist

Stumm stehe ich abseits der staubigen Straße in einer dunklen Ecke und beobachte den aufgeregten Barden, der wütend dem Kender und dem kleinen Mädchen nachsieht, die so schnell es geht vor ihm davonlaufen. Es besteht kein Grund, warum ich mich in die Angelegenheit der drei hätte einmischen sollen. Ohne Zweifel hat die Kleine Mut bewiesen, vielleicht sogar mehr Mut als ich in ihrem Alter.
Unschlüssig sehe ich den beiden Fliehenden nach, soll ich ihnen folgen oder in der Nähe des Barden bleiben…
Heute ist einer jener Tage, an denen ich nur rumgammele und hoffe, dass bald wieder ein Steckbrief angeschlagen wird. Oh, ich habe vergessen mich vorzustellen…

Im allgemeinen werde ich Todesengel genannt, meine Mutter gab mir damals den Namen Rhonda und von meinem Vater, den ich eigentlich nie richtig kennengelernt habe, meinen Nachnamen: Lautenschmied. So gesehen gefällt mir der Name Todesengel besser, er hat mehr Ausdruck als dieses Namensgeflecht Rhonda Lautenschmied! Dies klingt doch mehr nach dem Namen eines Barden. Nun gut, ich stamme aus einer Bardenfamilie ab. Mein Onkel, mein Bruder und meine Zwillingsschwester sind eben solche und ich schlage gänzlich aus der Art. Tanz, Lieder, Verse, Geschichten, wie langweilig? Das einzige, was wie Musik in meinen Ohren klingt, ist das Klirren meiner Dolche im Kampf.

Die beiden sind mittlerweile außer Sicht, ich werde den Barden weiterhin beobachten. Noch immer steht er stumm da und befühlt seine Wunde an der Stirn, er kramt aus seiner Hosentasche einen Fetzen aus Stoff und hält ihn gegen die Wunde. Mich verwundert, dass er nicht meckert oder schreit. Diese stumme Art beunruhigt mich, meine schlimmsten Fälle waren immer die leisen und stillen. Sie hatten immer einen Joker im Ärmel und waren schwer einzuschätzen. Wie gerne würde ich den Barden festsetzen, alleine schon die Tatsache, dass er Barde ist, würde mir eine besondere Freunde machen, ihn mit meinen Waffen zu begrüßen. Ich habe wohl vergessen zu erwähnen, dass ich meinen Bruder und meine Schwester nicht sonderlich gut leiden kann, oder?
Was mir fehlt ist ein Motiv? Ich brauche einen läppischen Grund, den Barden festzuhalten, um ihn der Wache vorzuführen. Noch hat er sich nicht schuldig gemacht, der kleine Kender hatte ihn schließlich bestohlen und er hat lediglich zur legalen Selbstjustiz gegriffen. Ja, ich weiß. Eigentlich hätte ich dem Kender folgen müssen, aber diese kleinen Diebe sind nichts für mein Nervenkostüm. Wo immer sie auftauchen, sorgen sie für Wirbel und Chaos. Beides kann ich bei der Ausübung meiner Arbeit, die eine hohe Konzentration erfordert, nicht gebrauchen, außerdem sagt tief in mir etwas, dass die Gefahr vom Barden ausgeht und nicht von dem kleinen Dieb. Es ist mir unbegreiflich, warum der Barde immer noch wie gelähmt dort steht. Seine Augen sind auf einen Punkt in der Ferne gerichtet, neugierig folge ich seinem Blick und verstehe nicht so recht.
Ein Junge, vielleicht 14 Jahre alt, gekleidet in einer dunkelblauen, staubigen Robe marschiert in die Richtung des Barden. An seiner Seite trottet ein gepflegter Jagdhund, der laut hechelt. So wie die beiden ausschauen, sind sie sehr müde und durstig. Sollten die beiden wirklich die endlose Einöde durchgequert haben? Nur der Junge mit dem Hund? Was treibt einen Jungen dazu? Unlängst weiß ich die Antwort, er ist auf der Flucht. Nur eine panikartige Flucht lässt jemanden eine solche Wahnsinnstat begehen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie ungastlich diese Einöde ist! Der Junge hält unbeirrt auf den Barden zu, dessen Mund sich zu einem Lächeln formt. Kennen sich die beiden? Warum gibt ihm der Junge seinen Lederbeutel, den Hund und seinen Rucksack? Mit einem gewinnenden Gesichtsausdruck trollt sich der Barde davon und lässt den Jungen alleine in einer abgelegenen Ecke stehen. Der Hund will nicht vom Jungen weg, doch er wird an der Leine einfach davongezogen. Da stimmt doch was nicht! Verdammt!
Eilig hetze ich zu dem Jungen, der regungslos mit ansieht, wie sein treuer Hund davongezogen wird. Ein letztes herzzerreißendes, trauriges Jaulen und der Barde ist in der Menge der geschäftigen Menschen untergetaucht. Stumm blicke ich in das Gesicht des Jungen. Sein Blick ist leer, ich spreche ihn an, doch er reagiert nicht. Erst jetzt erkenne ich, was der Barde getan hat. Er hat den Kleinen hypnotisiert und beraubt. Ich weiß schon, warum ich Barde hasse!

5.Segment – Fionagot

Mein eisiger Blick streift die Gesichter meiner Gefangenen, einen nach dem anderen habe ich mir geholt. Das Mädchen zu schnappen war nicht schwer gewesen, sie hatte sich mit dem Kender in einem leeren Weinfass versteckt. Lediglich dieser wendige Kender hätte mich fast zur Weißglut gebracht, irgendwie hatte er es immer geschafft, sich aus den Fesseln zu lösen. Letztendlich habe ich ihn so in einen Leinensack gesteckt, bis nur noch sein Kopf rausschaute und einen starkes Hanfseil fest um ihn gewickelt. Nun sitzen die beiden stumm in der Ecke und schauen mich mit ängstlichen Augen an. Gleich daneben, habe ich den diebischen Barden hingesetzt. Auch er kämpft nicht mehr mit seinen Fesseln, sondern schaut mich erwartungsvoll an.
Er hatte vorhin nicht damit gerechnet, dass ich ihn stumpf niederschlage, als ich ihn nach dem Weg zum Schmied fragte. Sein ungläubiger Blick war einfach zu komisch, normalerweise lache ich bei meiner Arbeit nicht, aber bei ihm musste ich doch lachen. Als ich ihm den Jungen präsentiere fällt ihm die Kinnlade runter. Sein Blick ruht auf dem staubigen Boden. Er meint wohl zu wissen, warum ich ihn mir geschnappt habe.
Der Junge ist noch immer nicht aufgewacht. Auf meine Anweisung, mir zu folgen, kam er unverzüglich mit.
„Ich will nach Hause!“ jammert das kleine Mädchen.
„Und ich in die Kenderberge!“ fügt der Kender hinzu.
Ohne auf die Quengelei einzugehen, schaue ich alle strafend an. Es wirkt. Wieder legt sich eine Stille über den Raum.
So recht weiß ich auch nicht, was ich sagen soll. Ich bin eben nicht so redselig wie Rouvine oder Rouvasch. Alle Beteiligten des Vorfalls habe ich nun beisammen, wen lasse ich nun laufen und wen schaffe ich zur Stadtwache.
Das Mädchen hat den Barden mit einem Stein verletzt, sie bekommt wohl fünf Peitschenhiebe..
Der Kender hat den Barden bestohlen, ihm werden die Hände abgehackt werden.
Der Barde hat den Jungen ausgenommen, ihn wird das gleiche Schicksal erwarten wie dem Kender.
Und der Junge da hat, wenn ich dem Boten aus Res glauben sollte, seine Eltern getötet. Wenn dem so ist, dann wird er von den Ameisen gefressen werden.
Normalerweise fällt es mir nicht so schwer, Straftäter den Wachen zu übergeben und doch kämpfe ich mit mir. Irgendetwas in mir möchte nicht, dass ich meine Gefangenen den Wachen übergebe.
Alle sind straffällig geworden, sie haben die Gesetze dieses Landes missachtet. Meine Aufgabe ist es, Straftäter zu suchen und den Wachen zu übergeben. Nachzudenken wird von mir nicht erwartet, auch wird die Gerichtsverhandlung kurz und hart sein. Meine Zeugenaussage wird mehr wiegen als die Unschuldsbeteuerungen meiner Gefangenen.
Selbst meine schwammige, unverbindliche Aussage bezüglich den Mord an seinen Eltern, wird für den Jungen der sichere Tod sein. Meine Delinquenten sind mir einfach zu jung, selbst der Barde ist noch nicht ganz dem Kindesalter entsprungen. Ich kann mir meine Entschlussunfreudigkeit nicht erklären.
Wieder lasse ich meinen Blick über die Rasselbande schweifen. Das Mädchen ist den Tränen nahe, der Kender zuckt unbeherrscht hin und her, kann sich aber nicht befreien. Der Barde schaut betreten zum Boden, der Junge steht stumm neben mir. Ein leises Winseln erweckt meine Aufmerksamkeit. Wie kommt der Hund plötzlich hierher? Als ich den Barden holte, war der Hund weg.
Wie ähnlich sich Hunde und Kender doch sein können! Für einen kurzen Moment schiebt sich ein Lächeln zwischen meine Lippen.
„Wo bin ich?“ meint der Junge unvermittelt.
Ich wundere mich, für einen kurzen Augenblick, über die plötzliche Auflösung der Hypnose. Noch ehe der Junge weitersprechen kann, habe ich ihn zu dem Barden geschubst.
Das gefährliche Knurren des Hundes beeindruckt mich nicht.
„Ich stelle hier die Fragen!“ herrsche ich den Jungen böse an. Nur um ganz sicher zu gehen, spreche in den Jungen mit dem Namen, die der Bote erwähnt hatte, an. „Bist Du Fionagod?“
Mit großen, fast schon ängstlichen Augen, blickt er mich an und nickt stumm.
In diesem Moment kehrt noch mehr Leben in den, ohnehin quirligen Kender, ein.
„Hurra!“ ruft er erfreut aus, „wir haben ihn gefunden, den ehrwürdigen Magier Fionagot! Jetzt wird er es dieser bösen Frau heimzahlen und uns befreien. Ich habe auch einen Brief für Euch, ehrwürdiger Magier.
Der Junge und ich schauen uns kurz an, dann geht unser Blick zum Kender, der in seinem Sack aufgeregt auf und ab hüpft. „In meinem Sack habe ich Euren Brief!“
Irgendwie ist mir die Situation entglitten, ich lasse den Jungen gewähren, der in dem Sack des Kenders nach seinem Brief wühlt und ihn aufgeregt öffnet.Seine Augen huschen über die Zeilen und auf seinen Gesicht bilden sich Denkfalten, schließlich reicht er mir den Schrieb, den ich desinteressiert wegschiebe. „Ich kann keine Buchstaben lesen. Lies also vor!“
Der Junge schluckt schwer und nickt, seine Stimme ist trocken, fragend und leise:

„Sei mir gegrüßt Fionagot,
Du wirst diesen Brief in einer seltsamen Gruppe lesen. Neben einem Kender, einem kleinen Mädchen und einem Barden ist auch eine Kopfjägerin anwesend. Ihr Name ist Rhonda Lautenschmied. Sie ist sich nicht ganz schlüssig, ob sie Euch den Wachen übergeben soll oder nicht. Reiche Ihr nun den Brief. Sie wird Dir auftragen ihn vorzulesen, da sie nicht lesen kann…

Tromothan zum Gruße, Rhonda!
Erinnerst Du Dich noch an Deine Kindheit? Warst Du immer vollkommen und dem Gesetz treu? Hast Du nicht auch getötet und  Deine Strafe nicht empfangen? Dein Kampf, Dein innerer Kampf, hat heute begonnen, zum ersten Mal kamen Dir Zweifel, ob Du richtig handelst.
Damals vermochte ich nicht mehr Dir diese Lektion zu lehren, doch nun hast Du sie verstanden. Du hast zum ersten Mal Zweifel an Dir selbst gehabt, dies ist ein gutes Zeichen. Dies zeichnet eine gute Kopfjägerin aus, sie jagt nicht dem Gelde wegen.

Entscheide für Dich, ob Du Deinen Gefangenen eine Zukunft gibst oder nicht!
Lerne aus dieser Situation. 

Fionagot, Dein Mentor und Ziehvater“

 Stumm stehe ich im Raum. An den Worten des Jungen brauche ich nicht zu zweifeln, der Brief beinhaltet zu viele Punkte, die der Junge nicht wissen kann. Ohne Zweifel stammt er von meiner Vergangenheit, meinem Lehrmeister Fionagot, der nicht nur ein hervorragender Schwertkämpfer sondern auch Hellseher war. Er hatte damals seinen Tod vorausgesehen, damals beim Schwerttraining. Es war ein Unfall gewesen und trotzdem bin ich vor meiner Strafe davongelaufen. Nun hat er mir diese letzte Lektion doch noch erteilt… eine Woche nach seinem Tod.
Schweigend löse ich die Fesseln vom Mädchen, Kender und Barden. Nachdenklich sehe ich ihnen nach, wie sie diese baufällige Hütte verlassen.
Der Junge Fionagot schaut mich noch einmal an, sein Blick will mir eine Frage stellen, doch sein Mund öffnet sich nicht. Aber ich kenne seine Frage und gebe ihm die Antwort auf seine nicht gestellte Frage: „Egal, was Du auch getan hast. Es war eine Bestimmung und kein Zufall. Nun geh und mache das Beste aus Deinem Leben…“
Stumm verharre ich im Halbdunkel der Hütte. Wie hatte es Fionagot nur geschafft, eine solche Situation vorherzusehen? Ich werde es wohl nie erfahren.