Kleine Ursache
Rouvard Lautenschmied

Er verlor seinen Halt und stürzte nach unten. Unaufhaltsam, gezogen von der Erdanziehungskraft, raste er auf den kahlen Stein zu. Der Aufschlag war heftig, seine Teile spritzten in alle Himmelsrichtungen und benetzten die ohnehin schon feuchten Wände. Mit einem tiefen Seufzer erhob sich der junge Elf vom kahlen, feuchten Tropfsteinboden. Wie gerne hätte er dem nächsten herabfallenden Tropfen weiterhin zugeschaut, die aus schwindelerregender Höhe auf den rauhen Stein schlugen. Wie viele würden nötig sein, um ein Loch in dem Stein zu formen? Beim nächsten Neumond würde er wieder hierher zurückkommen und nachschauen, ob sich der harte Stein, diesem weichen Material, dem Wasser, schon ein wenig gebeugt hatte.  Wieder schlug ein dicker Tropfen auf. Einige Spritzer benetzten sein Wams aus weichem, braunem Leder. Er musste nun aber wirklich los, bestimmt würde er schon von seinen Eltern vermisst werden. Eilig lief er zum schmalen Felsspalt, durch den er zuvor gekommen war.  Das fahle Morgenlicht schien ihm, durch den Spalt, direkt in das Gesicht. Seine Hände griffen in das, vom Tau feuchte Gras, während er seinen Körper durch die schmale Öffnung zwängte.
Eine knochige Hand umschloss in diesem Moment seine Handgelenke und zog ebenfalls an ihm. Der junge Elf schrie vor Angst panisch auf. Sein Körper wurde aus dem Spalt regelrecht brutal herausgerissen. An einigen Stellen zerriss seine Kleidung, an anderen Stellen spürte er  das warme, pulsierende Blut aus seinem Körper tröpfeln.
Die Schmerzensschreie des Elfen gellten ungedämpft über das Land, seinem Peiniger schien dies nicht das Geringste auszumachen. Unbarmherzig wurde der Elf über den rauhen Boden geschleift, weg von der Höhle und dem Wald mit dem Elfendorf.
„Lasst mich los! HILFE!“ schrie der junge Elf und zappelte hilflos mit seinen Händen und Beinen. Vergebens. Der harte Griff ließ nicht locker. Er wurde verschleppt, nur von wem? Er hob seinen Kopf mit einem weiteren Schrei aus Angst und Verzweiflung hoch und konnte den Umriss seines Peinigers ausmachen. Dieses brutale Wesen war groß, länger als Elfen und unwahrscheinlich hager. Schrecklich hager und es stank. Der Duft von Verwesung, Tod und Morast drang in seine Nasenflügel.
Wenn er den Geschichten des Dorfältesten trauen durfte, dann hatte ihn ein Troll in seiner Gewalt, nur was wollte der Troll. Doch die Antwort konnte er sich selbst geben, er wollte ihn fressen. Doch warum fraß er ihn nicht auf der Stelle sondern zog ihn davon, wie eine Beute. Moment Beute, ich soll seiner Brut als Nahrung dienen!
Diese Erkenntnis ließ ihn nochmals sämtliche Kräfte zusammennehmen, er spannte seinen Muskeln an und schrie aus Leibeskräften nach seinem Vater. Seine Ohren schmerzten, seine Muskeln zitterten und aus seinen Augen schossen Tränen. Er war doch noch zu jung zum Sterben, sein gesamtes Leben hatte er noch vor sich. Seine Gedanken liefen wirr durch seinen Kopf. Sein Geist war wie benebelt, nur unterschwellig bekam er mit, wie sich die harten Griffe um seine Handgelenke langsam lockerten, dann ließen sie ihn plötzlich los. Sein Kopf fiel ungebremst auf einen Stein, der aus dem groben Erdreich herauslugte.

Schmerzen, in seinem Kopf schienen sich Füchse, Wiesel und Hasen sich zu einem fröhlichen Tanz zusammengefunden zu haben. Er spürte sie in seinem Kopf tanzen, jedes Mal wenn eine neue Tanzrunde begann, wurde der Schmerz wieder besonders stechend.  Licht fiel auf ihn, seine Lider begannen zu flattern, bis sie sich endlich zaghaft öffneten. Er blickte in eine schemenhafte Gestalt, die ihn anstarrte. Vor Panik zuckte er heftig zurück, nur um im nächsten Moment von noch heftigeren Schmerzen geplagt zu werden.
„Sei still, es ist alles gut!“ murmelte leise eine bekannte Stimme.
„Mutter?“ huschte es schwach über die Lippen, dann schlossen sich wieder seine Lider.
„Bleib still liegen, Leganis. Es wird alles wieder gut! Der Troll ist verbrannt. Er wurde von den Glimmpfeilen getötet.“
Merkwürdig, trotz seiner Kopfschmerzen, waren seine Gedanken auf einmal wieder hellwach. Wie der Wassertropfen eine starke Macht entwickelte, so auch die Glimmpfeile seines Dorfes. Obwohl die Pfeilspitzen nur rot glühend waren, vermochten sie es doch auch eine große Wirkung zu erzeugen. Er wollte seinen Kopf befühlen und hob seine Hände, doch der Tastsinn blieb aus. Verwirrt öffnete er seine Augen und blieb an dem traurigen Blick seiner Mutter hängen.
„Der Troll hatte deine Hände verletzt…“ begann sie mit stockender Stimme, doch sie musste nicht weiterreden. Er wusste bereits was geschehen war, hier hatte die kleine Ursache, die Berührung mit dem Gift des Trolls, seinen Tribut gefordert.