Nächtliche Feier
Rouvard Lautenschmied

Es war ein Morgen wie jeder andere. Leron saß am hölzernen Frühstückstisch, während seine Frau Brot, Käse, Wurst und Butter hinstellte und heißes Wasser den Malzfilter durchlief.
Eigentlich hatte Leron an diesem Morgen überhaupt nicht aufstehen wollen, die letzte Nacht hatte ihn total mitgenommen. Die Abschiedsfeier seines Freundes ging doch länger, als er anfangs angenommen hatte. Als er dann zu Hause ankam, war es schon früher Morgen gewesen. Jetzt, zu später Vormittagsstunde fühlte er sich immer noch wie dreimal durchgekaut und wieder ausgespuckt. Er hoffte darauf, durch das heiße Malzwasser, welches fertig zu sein schien, wach zu werden. Immer noch schlaftrunken griff er nach dem Becher. Es war nicht der Becher, den er sonst immer nahm. Überhaupt, woher hatte er diesen Becher. Er war sich nicht bewusst, diesen Becher vorher schon einmal gesehen zu haben, überhaupt, so einen Becher würde er sich auch niemals kaufen.
Er sah aus, wie eine halbe Badewanne im Miniformat. Ein Henkel war nicht vorhanden. An der Außenseite waren wirre Zeichen und Ornamente aufgemalt. Er strich mit seinen Fingern darüber. Er hatte eine rauhe Fläche erwartet, doch diese war glatt. Nicht einfach glatt, sondern so glatt, als ob man über Schmierseife streichen würde.
„Merkwürdig!“ befand er. Sein Durst nach Malzwasser meldete sich wieder. Sein Blick wanderte zur Malzkanne, die verführerisch duftete.
„Weib!“ rief Leron, doch niemand kam, so erhob er sich mit Ächzen und Stöhnen und griff sich die Malzwasserkanne.
Nachdenklich betrachtete er wieder diese seltsame Tasse.
„Was soll’s!“ murmelte er und goss das dampfende Malzwasser in die Tasse. Er setzte sich wieder und mischte Zucker und Milch dem Gebräu bei. Vorsichtig führte er den Becher an seine Lippen, doch der Malzmix war noch siedend heiß, also setzte er den Becher wieder ab, die Lippen wollte er sich doch nicht verbrennen.
„Moment… da war doch etwas jetzt anders. Das Malzwasser ist siedend heiß und der Becherkörper…“ ungläubig befühlte er den Becher erneut, „eisig kalt“ murmelte er aufgeregt.
„Ich bin wohl noch nicht ganz wach!“ Er stand wieder auf, „Vielleicht sollte ich mich doch erst einmal waschen. Schlurfend begab er sich in das Nachtzimmer.
Nachdem er sich frisch gemacht hatte, zog es ihn wieder in die Küche.
Da stand das Brot, die Wurst, der Käse, die Butter und… diese fremde Tasse. Wieder fühlte er an ihr. Sie war immer noch eisig kalt. Zur Gegenprüfung steckte er seinen Finger in die Tasse, den er sich fast verbrühte. Das Malzwasser war ungewöhnlich heiß. Nachdenklich betrachtete er den Tassenrand. Er war keinen Millimeter breit und wirkte sehr zerbrechlich. Wieder erhob er sich und holte eine seiner Tassen aus dem Küchenschrank, auch diese füllte er mit Malzwasser, dann befühlte er sie. Schnell nahm der gebrannte Ton die Wärme an.
„Merkwürdig, merkwürdig!“ er runzelte seine Stirn. Dieses Phänomen konnte er sich nicht erklären.
Hunger kam in ihm auf. Er schmierte sich ein Brot und begann zu frühstücken. Seine Gedanken schwirrten immer noch um diese Tasse. Er nahm sie wieder in die Hand. Das Malzwasser war ein wenig abgekühlt, nachdenklich nahm er einen Schluck.

Nokita Lautenschmied hatte die Zeugen der letzten Nacht, den Schmutz und Unrat, beseitigt. Die gestrige Feier war doch mehr ausgeartet, als ihr lieb gewesen war.
Grübelnd betrachtete sie die Vitrine mit den Errungenschaften ihres Mannes. Alles Unikate und Trophäen aus seinen Abenteuern, doch fehlte da nicht etwas?
„Sollte da jemand etwas mitgenommen haben?“
In diesem Moment betrat Rouvasch Lautenschmied das Zimmer. „Hast Du was gesagt, Schatz?“
„Sag mal, fehlt da nicht… die Opferschale des Inzessors?“
Rouvasch betrachtete den Vitrineninhalt intensiv, „Oh, Schreck lass nach! Wo mag sie sein?“
„Ich habe Recht?“ bohrte Nokita weiter.
„Ja, verdammt! Hoffentlich trinkt da keiner draus!“ Rouvasch wühlte sich verzweifelt im Haar.
„Warum?“ Nokita war verwundert, über Rouvaschs spontanen Gefühlsausbruch, der gar nicht seiner Art entsprach.
„Nach der Überlieferung nach, wird derjenige in das Totenreich geschickt, der aus ihr trinkt!“