Versteinert
Rouvard Lautenschmied

Mein Leben zieht an meinen geistigen Augen vorüber. Noch ehe ich so recht begreifen kann, was gerade geschehen ist, bin ich auch schon tot. Moment, ich bin tot und kann doch noch denken… Mmh, also lebe ich doch noch? Zumindest kann ich mich nicht mehr bewegen. Mein gesamter Körper ist erstarrt. Unfähig mich auch nur einen Millimeter zu rühren betrachte ich die Umgebung. Nichts scheint sich verändert zu haben, nur ES ist weg. Nun ja, dann werde ich wohl zum Warten verdammt sein. Werde ich warten müssen bis in alle Ewigkeit?
Stunden vergehen, der Himmel zieht sich zu und dicke Regentropfen fallen auf mich herab. Doch die Nässe dringt nicht zu mir durch, die Tropfen perlen einfach an mir herunter und schwängern den Boden mit der Feuchtigkeit, die er gierig aufsaugt. Wie lange hat diese Erde auf das kostbare Nass warten müssen? Wie lange werde ich warten müssen?
Die Nacht bricht über mich herein und mit ihm die Geschöpfe der Nacht. Hätte ich wegrennen könne, dann wäre ich vor diesen Kreaturen der Dunkelheit, die ich nun zum ersten Mal richtig erkennen konnte, schreiend davongelaufen. Es war einfach nur furchterregend.
Wie gut, dass der Morgen bereits wieder dämmert. Man beschnüffelte und beschnupperte mich, sie wetzten Ihre Krallen an mir und sie fauchten mich an, doch keiner warf mich um. Die ganze Nacht stand ich aufrecht da und starrte auf einen festen Punkt in der Dunkelheit, da ich zwar sehen, aber die Augen nicht mehr bewegen kann. Sie starren immer noch auf dem Platz, wo ES stand und mich anschaute. Was bin ich doch für ein Narr! Wieso musste ich nur so neugierig sein? Weshalb konnte ich meine Finger nicht von dem Bündel lassen?
Hoffnung. In mir keimt der Gedanke einer baldigen Erlösung auf. Eine kleine Gruppe bestehend aus zwei Menschen, einem Gnom und einem Zwerg wandert neugierig auf mich zu. Könnte ich doch nur um Hilfe schreien!
„Schöne Skulptur!“ meint der männliche Mensch, der einen Bronzepanzer trägt.
Seine weibliche Begleitung, der andere Mensch, gekleidet in einer erdfarbenen Robe streichelt über mein Gesicht. „Wie fein seine Gesichtszüge gemeißelt sind. Sieh nur, sein fragender Gesichtsausdruck. Ein wahrer Künstler, der diese Statue schuf. Selbst die Falten an seiner Kleidung sehen real aus.“
Für einen Moment zweifele ich an der Intelligenz dieser bunt gemischten Gruppe. Sehen die denn nicht, dass ich kein Kunstwerk sondern ein versteinertes Opfer bin? Wie gerne würde ich denen von meinem Missgeschick berichten und warnen, vielleicht läuft ES ja noch in der Nähe herum und wartet nur darauf weitere Wesen zu versteinern.
„Vielleicht ist in der Skulptur etwas versteckt. Edelsteine oder möglicherweise sogar Gold?“ Der Zwerg ist nahe an mir herangetreten und beschnüffelt mich kritisch. „Ich meine den typischen Geruch von Gold zu riechen!“
Mir fällt ein, dass ich tatsächlich ein paar Goldmünzen in meinem Lederbeutel habe. Der Beutel müsste zu meinen Füßen liegen, ich hatte ihn erschrocken fallen lassen, bevor ich ES in die Augen blickte. Bewundernswert dieses Riechorgan des Zwerges.
„Du und das Gold, Koliat!“ meint der Gnom unbeeindruckt, „seitdem wir Lakatien verlassen haben, redest du von nichts anderem mehr als Gold, Gold, Gold… und nun willst Du es ausgerechnet an dieser steinernen Figur riechen!“
„Ja sicher, in dieser Statue ist Gold versteckt!“ Wieder schnuppert der Zwerg an mir herum, „ganz sicher!“
„Und wie viel?“ wirft der Mann interessiert ein?
„Och,…“ wieder höre ich das intensive Schnuppern des Zwerges, „es dürften so die Menge von 10 bis 20 Goldmünzen sein!“
„Dann lohnt es sich vielleicht wirklich, einen genaueren Blick auf diesen Steinmann zu werfen.“ meint die Frau mit interessierter Stimme und schaut mir tief in die Augen. Im nächsten Moment wird mir schwarz vor Augen. „Also, in den Augen ist kein Mechanismus versteckt!“ höre ich die Frau sagen.
„Was ich nicht verstehe“, meint die Stimme des Gnomes, der hinter mir zu stehen scheint, “ Warum steht dieses Gebilde aus Felsstein hier so einsam herum? Ich sehe keinen Hinweis vom Künstler oder einen Grund, warum er hier stehen sollte. Möglicherweise…“
„Bei dir muss immer alles Sinn und Verstand haben, Gyrron? Was?“ bellt der Zwerg aufgeregt. „Da ist Gold drin. Jemand hat diese Statue erschaffen um darin seinen Schatz zu verstecken! Ganz sicher!“
„Das finde ich sehr weit hergeholt, Koliat! Wer würde eine Figur meißeln, nur um darin Gold zu verstecken? So dumm würden doch selbst Zwerge nicht sein!“ Die Stimme des Gnomes klingt süffisant, und erntet ein zustimmendes Lachen der beiden Menschen.
„Mmmh“, mehr sagt der Zwerg nicht. „Schau dich mal hier um, Koliat. Sieh dir doch mal den umgestürzten Karren dort an…“ „Du meinst diesen Bretterhaufen?“
„Ja, nun ist es nur noch ein Haufen Holz, aber wenn Du ihn Dir genauer anschaust, wirst du erkennen, dass es ein Karren war.“ Der Gnom erscheint in meinem Blickfeld und schreitet gewichtig auf den zerstörten Holzkarren zu. Fachmännisch betrachtet er den Haufen und zieht mit den triumphierenden Worten „Ich habe es doch gewusst!“ die Decke hervor, in der ES eingewickelt war. Erneut macht sich der Kleinwüchsige an den Brettern zu schaffen und holt die Hanfseile hervor, die um das eingewickelte ES einst gebunden waren.
Mach weiter, feuere ich den Gnom eifrig an. Du bist ganz nah an der Lösung des Rätsels.
„Und? Was sagt uns das?“ Sein Gesicht zeigt ein schiefes Grinsen, das wohl dem Zwerg gilt.
Die nette Stimme der Frau meint, „Die Statue war in der Decke eingewickelt und sollte eigentlich transportiert werden. Doch der Künstler, der dieses Meisterwerk schuf, wurde von Banditen überfallen…“
Falsch, ganz falsch! grummele ich enttäuscht.
„Das wäre eine Möglichkeit, aber warum sollten die Banditen den Karren ruinieren und dieses Steinkunstwerk hier stehen lassen?“ gibt der Gnom zu Bedenken. Ich könnte den Gnom für diese Bemerkung küssen. Ich schwöre mir, nie wieder über Gnome dumme Witze zu machen.
„Nun“ erhebt sich die Stimme des Kämpfers, „Vielleicht haben die Banditen das Wertvolle bereits mitgenommen und den Rest einfach stehen und liegen lassen, wer weiß?“
„Nein, nein!“ meint der Gnom, „hier stimmt was nicht! Ich sage Euch, diese Statue ist keine Statue sondern ein versteinerter Mensch, der zu neugierig war. Er hat ein Monster transportiert, von dem er glaubte, es sei kein Monster. Warum auch immer?“
Es hat zu mir gesprochen! Es hat behauptet eine entführte Person zu sein! möchte ich hinzufügen, aber es klappt nicht. Ich möchte Tromothan dafür danken, dass er diese Gruppe hierhin geführt hat.
„Und dieses Monster hat ihn versteinert! Und ich werde Euch den Beweis meiner Theorie nun liefern!“
Mach hin, flehe ich innerlich. Aus meinen Augenwinkeln kann ich ihn sehen, wie er beschwörend seine Hände zum Himmel hebt.
Sollte der Gnom ein Kleriker sein? Gleich…, gleich… werde ich wieder aus Fleisch und Blut sein.

Das Gestein spritzt in kleinen Stücken von der Skulptur ab, das tumbe Geräusch von brechendem Stein durchbricht die Stille dieses Ortes. Mit einem gewaltigen Schlag sprengt der schwere Mithrilkolben des Zwerges endlich die Steinstatue. Die Steinbrocken fliegen hoch in die Luft, bis sie weit verstreut auf der staubigen Erde landen.
„Hurra!“ grölt der Zwerg voller Euphorie und greift nach einem Lederbeutel der inmitten von kleinen Gesteinsbrocken liegt. „Gold!“ schreit er wie von Sinnen, dann öffnet er den Beutel und wirft die Goldmünzen in einem hohen Bogen in die Luft. Im Lichtschein der Sonne blinken sie fröhlich auf. Genüsslich lässt der Zwerg die Münzen auf sich herabregnen.
Abseits von ihm steht der frustrierte Gnom, der mit verärgerter Miene und erhobenen Händen dasteht. „Das hat er absichtlich gemacht, ich sehe es ihm an, das war pure Absicht von ihm!“
„Er ist halt ein Zwerg und dem Zwang des Goldes unterlegen!“ versucht die Frau den Gnom zu beruhigen, der dem Zwerg einen abwertenden Blick zuwirft.
„Womöglich hast Du sogar Recht. Seine Gier hat dem armen Wanderer die Chance auf ein zweites Leben genommen.“
Mit einem verschmitzten Lächeln fügt der Kämpfer hinzu, „Sei doch ehrlich Gyrron! Dir ging es doch eigentlich nur darum, Koliat zu zeigen, dass du wieder einmal Recht hast, oder?“