Vollmond

Rouvard Lautenschmied

Sein Atem stockt. Für einen Moment setzt sein Herz aus. Noch immer kann sein Hirn das Wesen in seiner grausigen Gesamtheit nicht fassen, es ist hager, schlank und schaut ihn aus angrifflustigen Augen an.

Ein leises Knurren huscht über seine dicken Lippen und mischt sich in das unheimliche Geheul des Windes, der über das nebelverhangene Feld bläst. „Was willst Du, du Ausgeburt der Hölle?“ Seine Stimme klingt weder fest noch bestimmt, sie ist ein Brei aus Verzweiflung und nackter Angst

Das beharrte Wesen scheint nicht auf seine Worte einzugehen, es verharrt vor dem riesigen Vollmond, der gerade hinter den Hügeln aufgegangen ist.

Welcher Teufel hat ihn nur geritten, dass er den Warnungen der Dorfbewohner keinen Glauben geschenkt hatte. Abwertend hatte er deren Erzählungen von diesem Wesen, das nun leibhaftig vor ihm steht, als Unsinn und Bauernlatein dargestellt. Alles was er wollte war weiterzugehen, damit er bei Tagesanbruch bei seinem Herren sein konnte, um ihm diese wichtige Botschaft zu überbringen

Eine Botschaft so wichtig, dass sie keinen Aufschub duldete, tausende von Leben hingen von ihr ab. Aber würde diese Botschaft ihr Ziel heil erreichen?. Unfähig sich zu bewegen, starrt der Bote das schlanke, fast schon knöchrige Wesen an.

Mit einer agilen Bewegung spríngt es auf ihn zu und faucht ihn leise an. Dieser heiße, übel riechende Atem verpestet für einen Moment die frische Luft.

„Wesen der Unterwelt, was willst Du von mir?“ kommt es zitternd über seine trockenen, spröden Lippen.

Lauernd umkreist das unheimliche Geschöpf den Mann, es grummelt und knurrt leise, aber gefährlich. Gerade so, als erwarte es eine bestimmte Reaktion.

Hätte ich doch nur einen Dolch zur Hand! denkt der Mann in seiner Angst und verharrt weiter, in seiner Todesangst, auf der Stelle. Aber wofür eigentlich, diese Gegend war als friedliebend und sicher bekannt, zumindest am Tage. Warum musste ausgerechnet er diese dringende Botschaft überbringen? Wäre ein bewaffneter Kurier nicht sicherer, schneller und geeigneter gewesen.

Diese lauernde Gestalt bringt ihn fast um den Verstand, immer enger zieht es seine Kreise um ihn. „Friss mich doch endlich!“ fleht er den lebendig gewordenen Albtraum an, doch nichts dergleichen geschieht. Es folgen weitere angsteinflößende Knurren und Fauchen, doch es greift ihn nicht an.

Die Luft scheint zu stehen, selbst der kräftige Wind kann den Geruch von Verwesung, der von dem Monster ausgeht, nicht wegblasen. Der Gestank raubt ihn seinen letzten Funken an Besonnenheit.

Er kann nicht länger sein Magen ruhig halten, diese Situation hat ihn überfordert. Seine Beine knicken weg und er fällt auf die Knie, zeitgleich erbricht er sich. Für einen kleinen Moment vergisst er den Horror, der ihn umgibt.

Sein Gehirn ist wie leergefegt, immer wieder steigt die bittere Säurenflüssigkeit seine Speiseröhre auf und dringt mit einem gequälten, speienden Geräusch aus seinem Mund. Selbst als sein Magen völlig entleert ist, speit er trocken weiter. Gepeinigt blickt er auf.

Das Wesen steht keine fünf Zentimeter von ihm entfernt und schaut ihn aus, diesen gelblichen, toten Augenschlitzen stumm an. Es steht stumm da und ihm scheint fast so, als ob es eine andere Witterung aufnimmt. Plötzlich, ohne eine Vorwarnung, reißt es den Mund auf und ein markerschüttendes Geheul, ähnlich dem eines großen, mächtigen Silberwolfes zerschneidet die unheimliche Stille der Nacht. Es wirft ihm noch einen unbeschreibbaren Blick zu, dann ist es verschwunden. Verschluckt von der Schwärze der Nacht.

Langsam kommt er wieder auf die Beine, sein gesamter Körper ist mit einer dicken Gänsehaut überzogen. Mit der Geschwindigkeit einer Schnecke, schafft er es endlich sich zu bewegen. Der Schrecken sitzt ihm noch tief in den Gliedern, doch der Auftrag, sein Auftrag die Botschaft zu überbringen, der eiserne Wille, die Botschaft unverzüglich seinem Herren mitzuteilen, lässt ihn weitergehen.

Allmählich löst sich die Angst von seinem Körper, seine Augen starren angestrengt in das Dunkel der Nacht, in der Hoffnung nichts zu entdecken.

Ein greller, gellender Sterbensschrei lässt ihn wieder zu einer Salzsäule erstarren. Wie aus dem Nichts erscheint das Wesen direkt vor ihm, sein Mund ist blutverschmiert und es scheint ihn anzugrinsen. Hämisch anzugrinsen.

Bleich scheint der Mond auf sein noch blasseres Gesicht. Das Wesen sieht ihn aus seinen toten, dumpf leuchtenden, Augenhöhlen an. Er gelingt ihm nicht seinen Blick abzuwenden, stumm vor Entsetzen schaut er es an. Ein Gegenstand schiebt sich zwischen die beiden, ein länglicher Gegenstand. Im fahlen Lichtschein des Erdtrabanten spiegelt sich ein blutverschmierter Dolch.

Sollte das Wesen ihm den Dolch etwa reichen ? Soll er ihn wirklich nehmen? Unfähig nach der Waffe zu greifen, starrt er dem Monster stumm in die Augen. Das Wesen legt seinen Kopf schief und hält ihm den blutbesudelten Dolch, von einem auf- fordernden Knurren begleitet, noch näher hin. Nein! denkt sich der Bote, der endlich begreift, was das Wesen beabsichtigt.

Niemals, niemals würde er den Dolch nehmen.