Vorahnung
Malik Athramis

Schweißgebadet schreckte Rouvasch aus dem Schlaf hoch. Sein Herz hämmerte wie der Amboß einer Zwergenschmiede und sein Magen fühlte sich schrecklich fahl an. Kissen und Laken waren durchnäßt. Seine Hände waren taub. Hatte er geschrieen ? Möglich war es. Sogar wahrscheinlich.
Der Barde konnte sich an den Traum nicht mehr erinnern. Nur Bilder von Feuer und Vernichtung tanzten in seinem Geist herum. Hatte seine Taverne gebrannt oder waren es Erinnerungen an die Vergangenheit ? Nein. Er erinnerte sich an die Schankstube und an schreiende, fliehende Menschen. Der Traum hatte definitiv in seiner Taverne gespielt.
Seine Arme waren noch immer schwach. Trotzdem schaffte er es sich aufzusetzen und die Beine aus dem Bett heraus zu schwingen. Doch zum Aufstehen war er noch nicht im Stande. Seine Beine zitterten und hätten dem Gewicht sofort nachgegeben.
Gerade überlegte Rouvasch ob er seinen neuen Sklaven, diesen Goblin, rufen sollte, als sich die Tür schon öffnete und der kleine Rotschopf mit besorgter Miene und ohne zu klopfen in das Zimmer stürmte. Er war völlig außer Atem und schien geradewegs aus den Decken gesprungen und heraufgerannt zu sein. Das erkannte man vor allem daran, daß seine Haare noch wilder als sonst vom Kopf abstanden und er den Lendenschurz in der Hand trug.
„Herr !“, rief er und stürmte ohne anzuhalten auf den total verdutzen Rouvasch zu um sich an dessen Beine zu klammern. „Herr, was hast du denn ? Kann ich dir helfen ? Soll ich dir einen Tee bringen oder etwas Schweinebraten oder soll ich eine der Frauen wecken….“
„Untersteh dich, Takina !“, unterbrach der Barde den Redeschwall des Goblins. Erst gestern hatte er diesen übereifrigen Sklaven von seiner Schwester Rhonda abgekauft und mit seinem Gesang ein gutes Geschäft gemacht. Und das, obwohl es eigentlich schrecklich klang. Doch heute in aller Früh, nach einem solchen Traum und mit einem gehörigen Kater, ging der kleine Kerl ihm bereits auf die Nerven. Zumal seine kreischende Stimme den Kopf des gebeutelten Barden arg zum Dröhnen brachte.
„Was kann ich denn tun ? Soll ich euch die Füße massieren ? Oder soll ich ein Bad einlassen ? Oder…“
„TAKINA !!!“, unterbrach Rouvasch den Goblin erneut. „Bitte nerv mich jetzt nicht. Ein Tee hört sich gut an. Aber bitte stark. Setz schon mal das Wasser auf. Ich komme auch gleich herunter.“
„Ja, Herr !“, rief der schwarz gefleckte Gobbo freudig aus und lief zur Tür hinaus, nicht ohne daran zu denken sie zu schließen. Dem Geräusch nach zu folgen war die Tür auch definitiv zu. Vorsichtig versuchte Rouvasch erst ein Bein, dann das andere zu belasten und stand, wenn auch etwas wacklig, auf.
Seine Beinkleider, das Hemd und das Wamst hingen ordentlich über der Lehne eines Stuhles. Doch Rouvasch hatte noch nicht vor, sich anzukleiden. Er würde lediglich den Tee hinunterstürzen, versuchen auf andere Gedanken zu kommen und sich dann wieder hinlegen. Also warf er sich nur einen Morgenmantel über die Schultern und schleppte sich zur Tür hinaus. Der Boden schwankte gefährlich unter seinen Füßen und die Treppe stellte mit ihrem ungeheuren Seegang ein fast unüberwindliches Hindernis dar. Scheinbar hatte sich der Alkohol in seinen Adern noch nicht völlig verflüchtigt.
Der Weg ins Erdgeschoß stellte sich tatsächlich als Abenteuer heraus. Zwar war es bei weitem nicht so schwer die Stufe zu treffen, wie der Barde es sich vorgestellt hatte, doch musste sich wohl einer der Gäste nach ausschweifendem Alkoholgenuss auf der Treppe übergeben haben, was den Goblin veranlasst hatte die ganze Treppe ordentlich zu bohnern. Kurz gesagt, die Treppe glich einem eingeseiften Spiegel. Drei Mal hätte Rouvasch sich auf den zwölf Stufen fast das Genick gebrochen und nur das stabile Geländer hatte ihm das Leben gerettet.
In Gedanken erinnerte der Halbelf sich daran, das gute alte Geländer gleich morgen restaurieren zu lassen. Als er die Treppe hinter sich gebracht hatte fühlte er sich schon ein wenig besser. Auch wenn ihm fast endlos schlecht war. Doch der Tee sollte helfen seinen Magen wieder zu beruhigen. Der Weg in den Schankraum war bedeutend schneller zurückgelegt. Auch wenn er fast mit der Türkante zusammengeprallt wäre, weil Takina die Schwingtür aufgedrückt und mit einem Keil blockiert hatte, damit sich niemand verletzen konnte.
Doch als er einen ersten Blick in den Schankraum hinein warf, blieb sein Herz fast stehen. Er wusste nun wieder was er geträumt hatte. In seinem Traum hatte er den Goblin in die Schankstube geschickt um Tee zu machen. Beim Feuer entzünden hatte Takina allerdings die ganze Taverne in Brand gesteckt und diese war bis auf die Grundmauern niedergebrannt.
„Das Feuer habe ich schon angemacht.“, freute sich Takina und deutete auf und ab hüpfend aus das große Lagerfeuer, daß fröhlich mitten in der Schankstube auf dem trockenen Holzboden loderte. Rouvasch schrie hysterisch

* * *

Rußgeschwärzt stand Takina im Schuppen und bearbeitete lange Holzdielen mit dem Hobel. Sein neuer Herr hatte ihm aufgetragen den Boden der Schankstube, der durch ein gerade noch gelöschtes Feuer stark beschädigt worden war, bis zum Morgengrauen zu reparieren. Seit Stunden stand er nun schon hier und begradigte und glättete Bretter, die er dann an die neuen Balken, welche er schon eingesetzt hatte, nageln musste. Er verstand, dass er den Boden reparieren musste. Es war schließlich seine Aufgabe zu tun, was sein Herr von ihm verlangte. Er hatte gelernt zu gehorchen und würde ohne zu zögern tun was dieser Halbelf von ihm verlangte. Doch was er nicht verstand war, warum sein Herr ihn angeschrieen hatte. War es denn sein Fehler, dass ihm niemand gesagt hatte, dass man ein Feuer innerhalb eines Hauses nur im Kamin anzündete ? War es denn sein Fehler, wenn man ihm nicht sagte, dass Zwergenspiritus kein Feuer löschte ? War es sein Fehler, wenn sein Herr in den Eimer mit den Bohnerwachs trat, mit dem er die Treppe sauber gemacht hatte ? War es sein Fehler, wenn sein Herr noch immer so betrunken war, dass er das Gleichgewicht mit einem Eimer am Fuß nicht mehr halten konnte ? Das konnte man ihm doch nicht vorwerfen, oder ? Takina schmollte. Warum nur wurde er immer so ungerecht behandelt ?